Band 
I.
JPEG-Download
 

mau thuts blos, um den Verleumder recht augen-scheinlich zu widerlegen — und da oft die unschul-digste keinen Gesundheitxaß hat: so schüttelt manden Kopf und sagt: es ist wahre Verleumdung,aber aufpassen will ich denn doch.

Er hatte etlichemal den Versuch gemacht, hin-über zu langen; aber da sie immer zu sprechenund er immer zu antworte!! hatte, so gings nicht,wenn er nicht seine Annäherung an ihre Ohrenverrathen wollte. Die Gespräche betrafen denBall - die Gegenwart und Krankheit ihrer Hof-dame Klotilde — die Stellvertreterin der letztenJoachime, über Leren Anstellung sich Viktor herz-lich kalt ausdrückte; er konnte es bei Agnola nie-mals über Hofneuigkeiten hinaustreiben; sie schienalles Abstrakte und Metaphysiiche zu Haffen oder zuunkennen; und vollends von Empfindungen mit ihrzu reden — was er sonst bei jeder am liebstenthat, und wozu ihm auch des «Jemals seine Anlaßund Stoff genug gegeben hätten — kam ihm nichtviel besser vor, als sie gar zu haben.

Als er seine kalte Antwort über die ErhebungJoachimens gegeben hatte — eine Kälte, die mitseiner heutigen schwärmerischen gefühlvollen Wärmefür die Fürsiin einen schmeichelhaften Abstichmachte; — so wollt' er in die halbe Takt - Pausedarauf, welche Agnola mit Denken ausfüllte, dieAufhebung des Vorhangs verlegen. Er stemmtedie Hand auf, hielt den Athem auf, zog den Vor-hang auf — aber der H. Sebastian war dahinter,den ich schon oben besagt, und der ganz gewiß vonTizian, und nicht von van Dyk war, weil er unse-rem Viktor so ähnlich sah *, daß eS ihm selberglaublich wurde, der Pater habe ihn nach seinerWachsstatne in St. Lüne dazu kopiert. Der Hei-

> lige kam ihm noch schlimmer vor, als der Evange-list — nicht weil er dachte, das Porträt sei sein

I Namenvetter, sondern weil ihm einfiel, warum! die Weiber in Italien zuweilen Heiligenbilderverhängen. Die Ursache kann bekanntlich ei-nen Holzschnitt zu den zehn Geboten - Göschenund Unger sollten den Katechismus mit geschmack-

> vollern Schnitten zu den Verboten herausgeben§ als die alten sind — ausfüllen. Auch die Mariaj über dem Bette war mit Fsderbüschen und allem' verschleiert.... Zeussl, Zeuse!! hattest dul nicht verleumdet, diese ganze Lebensbeschreibung

liefe (so viel ich voraussehen kann) wohl an-ders ! —

Er erhielt sich durch Anstemmung der Rechtenan die Wand, über der schönen Blinden schwebend,weil ihn eine kleine Weltkugel bei der Zentripetal-! kraft anfaßte und ihn aus seinem Zurücklaufe! brachte. — Denn weil die Kranke auf der rechtenSeite ruhte: so war vom aufgerollten Haar eineWolke nach der andern über das Herz und überden Lilien!,ügel, welchen Seufzer tragen, hinüber-gesloffen uns die zum andern Hügel sinkendenLocken hatten dort nicht so viel überdecken können,als sie hier entkleidet hatten. Den Locken sanklangsam das Spitzsngewebe nach, und die Herz-blätter und die reifen Blüten blätterten sich abvon der aufdringenden Apfelfrucht. . . Theurer

" Denn der Sebastian van DvikS soll diesem Malerselber ähnlich sein.

ästhetischer Held dieser Posttage, wirst du ein mo-ralischer bleiben, jetzt ungesehen hängend über die-sen! wahren sloüe cko evinprssgion von Belidvr— über dieser zunehmenden Mondkugel, wo-von man nie die andere Hälfte sieht — neben die-ser Anhöhe, die man wie andere Anhöhen um keineFestung dulden sollte — und noch dazu an einem >Hofe, wo mau sonst alles Erhabne Lurch dieKleidcrordnung erdrückt?

Sobald er aus dem Bette und Paullinum ist:will ich mich mit dem Leser weitläustig überden ganzen Vorfall entzweien — jetzv muß ererst erzählt werden in Einem fort uno mit vielemFeuer.

Er war gleichsam in die Luft geheftet — Aberendlich wars Zeit, aus dieser heißen Zone allerGefühle und der Stellung zu weichen. Nochdazu erhöhets ein neuer Umstand Gefahr undReiz zugleich. — Ei» langer Seufzer schien ihrenganzen Busen zu überladen und aufzuheben, und wieein Zephyr durch einen Lilienflvr zu wogen, undder überbauende Schueehügel schien vom schwel-lenden Herzen, das unter ihm glühte, und vomschwellenden Seufzer zu zittern. — Die Hand derzugehüllten Göttin bewegte sich mechanisch nachdem eingekerkerten Auge, als wolle sie eineThräne hinter dem Bande wegdrücken. Viktor,in Sorge, sie verschiebe die Binde, zieht dieRechte ab von der Wand, und die Linke vomBette, um auf den Zehen schwebend, ohne Be-streifen sich aus diesem Zauberhimmel herauszu-beugen. -

Zu spät! — Das Band ist herab von ihren Au-gen, — vielleicht war sein Seufzer zu nahe ge-wesen oder sein Schweigen zu lange. —

Und die enthüllten Augen finden über sich einenbegeisterte» , in Liebe zerronnenen, im Anfangeeiner Umarmung schwebenden Jüngling.Er-

starrt hing er in der versteinernden Lage — ihrevon Schmerzen entbrannten Augen üverquollenschnell vom mildern Lichte der Liebe — sie sagteheiß und leise: eviwriiLM? — Und gelähmt zurEntschuldigung, bebend, sinkend, glühend, ster-bend fallt er auf die heißen Lippen nieder und ausden,schlagenden Busen. — Er schloß seine Augenvor Entzückung und Bestürzung zu, und blindund liebetrunken, und kühn und bange wuchs ermit seinen trinkenden Lippen an ihre an ... .als plötzlich in sein auf jeden kommenden Laut ge-spanntes Ohr der Nachtwächter - Ausruf deri2ten Stunde fuhr — und als Agnola wie miteiner fremden hereindringenden Hand ihn ab-stemmte, um eine blutige HemdnaLel wegzu-werfen. —

Wie ein Weltgericht in Nachrwvlken schmettertedes Wächters einfache Ermahnung, an denTod und an die zwölfte Geisterstunde dieses Mit-ternachtlebens zu denken, in seine Ohren, vor de-nen die Blutsirome des Herzens vorüberbrausten.—Der Ruf auf der Gasse schien von Emanuel zukommen und zu sagen: „Horion! Bestecke deine„Seele nicht, uns falle nicht ab von deinem„Emamiel und von Dir! Schau' an die Leinwand„über ihrem kranken Auge, als verhüllte es der„Tod — und sinke nicht!'"

„Ich sinke nicht! " sagte sein ganzes Herz: er