Band 
I.
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554 Hesp

heißen Nebel ist ein Papinischer Topf sogarLos dichtesten Herzens und zersetzt die ganze Seele;der Trunk macht jeden zugleich weicher und küh-ner. Ein weichesHerz war von jeher neben einertapfern gehärteten Faust. Da es noch sortschnei-ete, so bot er Klotilden auf Morgen seinen Mu-schel-Schlitten und sich (da er ohnehin zum Ballegeladen war) zum fahrenden Ritter an—wodurcher den Evangelisten nöthigte, sich als Schlirten-Gondolierer der Stiefmutter anzutragen.

Klotilde entfernte sich jetzt von der männlichenlustigen Gesellschaft inS Nebenzimmer, wo ihreAgathe und alles war — es geschah nicht ausMißbilligung der anständigen männlichen Fröh-lichkeit — noch weniger aus Verlegenheit, da esüberhaupt ihrem Geschlechte leichter ist und leichtergemacht wird, sich unter vierzig Augen unbefan-gen zu benehmen, als unter vier — noch wenigeraus Unvermögen der Verstellung ihrer Schwester-liebe gegen Flamin; denn ihre fliegende Seelehatte längst die Flügel zusammenzulegen, dieThränen und Wünsche zu verhüllen gelernt, unterFremden erwachsen, in schwierigen Verhält-nissen und unter uneinigen Eltern erzogen — siethat es blos wie die Pfarrerin, weil eS brit-tische Sitte ist, daß sich die Damen von Män-nern und ihrem Punsch-Weihkessel wegbegeben.

Da sie aus Viktors Augen war — und da eraus ihrem jetzigen noch bleichern Aussehenden Schluß zog, daß ihr das Thal Emanuels! schwerlich die Lenzfarben wiedergeben werde, weildie Aussicht der Abreise nichts geheilet habe; undda ihm diese kleine Abwesenhei t gleichsamin einem Taschenspiegel die Todtenerscheinungeiner ewigen vorhielt — und da das schwellendeHerz doch endlich den Damm der Verstellungüberwältigt —: so eilte er in den Winter hinaus

— deckte die entzündete Brust den kühlendenFlocken auf — und riß den Spalt weiter, in dendas Schicksal seine Schmerzen impfte — und liefdurch die weiße Nacht auf den Wartthurm hin-auf; — und hier, übergössen von der still aus demHimmel steigenden Schneelavine, sah er in diegraue,)vühlende, zitternde, flackernde Landschaft hin-aus und in die weite von Schnee durchbrochneNacht

— und alle Thränen seines Herzens fielen und alleGedankenseiner Seele riefen: »so sieht die Zu-"kunft aus! So schimmernd sinken die Freuten»des Menschen vom Himmel und zerfließen schon"Unter dem Sinken! So rinnt alles dahin! Ach»welche Luftschlösser sah ich in dieser Höhe um mich»glänzen, und Abendroth glimmte an ihnen! Ach,-alle sind unter Schnee verschüttet und unter"Nacht!" Er sah in den Garten Klotildens hinab,in dessen finstern vom Schnee überflatterten Lau-ben er das Eden seines Herzens gefunden undwieder verloren hatte. »Die Töne, die über"diesen Garten flössen sind versiegt, aber nicht die

' "Thränen, die ihnen nachrinnen" dacht' er. Ersah in den Garten ihres Bruders hinab, wo dasTulpen-L zerblättert und die grünenden Namen. vergangen üüd verhüllet waren.

Mit dieser Seele, die in diese Gegend wie indas Gebeinhaus verweseter Tage hineingeschauethatte, kehrte er zum freudigen Klubbe zurück.Der Wechsel mit Kälte und Wärme hatte seine

erus.

Aehnlichkeit mit dem Punschverein fortgesetzt, derunterdessen fortgetrunken. Alle und er betratendie Gränze des Trunkes, wo man in einem Athemlacht und weint; aber es freuet mich. Laß derMensch doch wahre Nahrung des Geistes und Her-zens (wenn gleich aus keiner Klosterküche oderKlosterbibliothek, doch) aus einem — Klosterkellerziehen kann; — daß er die Gesundheit seines —Witzes trinkt; daß ihn ein jeder Kelch (nicht blosauf dem Altar) geistlich stärkt, und daß er, wenndie Schlangen ihre Kronen beim Trinken abneh-men , seine darunter aufsetzt — und Laß die Wein-rebe Thränen nicht blos selber oder aus den Augeneines katholischen Marienbildes vergießet, sondernauch aus denen eines Mannes, der von ihr ge-trunken. Der Klub fiel darauf, Parlamentredenzu halten. — Der Kaplan schlug Kasualreden vor.— Viktor sprang auf einen Stuhl und sagte: »ich»halte den Leichensermvn auf mich selber —»ich habe hier schon in meiner Kindheit gepre-digt.»

Alle tranken noch einmal, selber die Leiche, unddiese pervrierte dann so:

Geliebteste und traurigste Zuhörer undMitbrüder.

„Ein Mensch, tiefgebeugte Zuhörer, kann in„die zweite Welt hinabsinken, ohne daß ein Trau-„erpferd nachspringt, so wie er in diese einläuft,„ohne Laß ein Paradegaul vorantrabt. — Wir„unsers Orts haben sämmtlich den Leichen-„t runk voraus eingenommen, um alles auszu-,halten; denn im Nassen dehnt sich der Mensch„aus und im Trocknen dorret er ein, ich meine„durch feste Speisen, gleich dem Blutigel, der„außer dem Wasser vier Zoll kürzer ausfällt.„Und ich hoffe, ich und das tiefgebeugte Trauer-gefolge haben dem Hochseligen zu Ehren getoa-„st e t genug.

Und so seh' ich ihn denn vor mir" ...

— Hier winkte er dem Pfarrer, seine Schlaf-mütze hinzuwerfen, damit etwas Todtes da läge,an das sich sein Affekt wenden könnte —

„vor mir da liegen, den unvergeßlichen H. Hof-„mcdikus Sebastian Viktor von Horion, und ge-worben ist er und will hinab unter das Erde-„Zudeck, in die Stätte voll langer Ruhe. Was„sehen wir noch vor uns ruhen, als die Taucher-glocke, woriu die bedeckte Seele in dieses Dunst-„leben hereinsank — als die trockne Schale eines„Kerns, der erst in einem zweiten Planeten ge-„säet wird - als seine Hülle, als, so zu sagen,„die weggeworfene Schlafmütze seines erwachten„Geistes?

„Besehet,weinende Zuhörer, diese figürliche blasse„Mütze! Hier liegt sie, der Kopf ist heraus, der„darin sann —unser Viktor ist dahin und schweigt,„der so sprach von Mathematik., Klünk, Heral-dik, Kautelarjurisprudenz, insckieinn iorensi»,„Sphragistik und ihren Hülswiffenschaften. —Wir„haben viel an ihm verloren — wer tröstet Sie,„vortrefflicher H. v. Schleimes, über diese Ein-buße, und so die andern Herren auch? — Man„hat aber in diesem närrischen Leben, das wohl„eine Art von Vor-Tod sein mag, gar nicht so viel