Band 
I.
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Hesperus.

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Zeit, um ordentlich zu trösten. Nicht blos Kir-„chenstühle sind oft auf Leichensteine gebauet, svn-„dern auch Fürstenstühle — die vollends — und„selber Kanzeln.

„Sollte wohl deine Seele, hochseliger Sebastian,„in ihrem mittlern Zustande nach dem Tode etwas„von ihrem Körper wissen, aus dem sie wie aus„ihrem Hut-Futteral ausgepackt ist, und von der„letzten Ehre, die wir hier ihrer Kapsel anthun?„Falls sie noch Bewußtsein hat und noch ein Auge„für diese Stube, worin sie so oft war: so wird„es sie freuen, daß die h. drei Könige, wovon der„Mohr der Kalo der ältere ist, um ihren abge-wognen Madensack herumstehen und den Sack„kaum fahren lassen wollen; es muß ihr gefallen,„daß wir sämmtlich klagen: wo ist Seinesgleichen„in der gemeinen Chemie — in der Physiognomik„und Physiognomie — in den neuern Sprachen„—in der Bänder lehre, aus der er eine„Liebe für alle Arten von Bändern schöpfte?-„Wer suchte weniger als er strengen Zusammen-hang der Gedanken, der den Deutschen verleitet,„gute durch schlechte zu verkitten und mehr Mör-„tel als Quader zu brauchen? — Nicht einmal„der Hof — daher er nicht gern hin ging, wenn„kort Spaß vorfiel — brachte ihn von einem ge-„wifien ernsthaften gesetzten Wesen ab, das er bis„zu eine:» lächerlichen trieb, auf welches letzte er

„allezeit aus war.-Beim Himmel! durch da§

„Stundenglas des Todes, durch das er wie durch„ein Taschenperspektiv guckte, brach ihm alles so„klein hervor, daß er nicht wußte, weswegen er„ernsthaft sein sollte — ich will nicht gesund da„stehen, wenn ihm nicht im besagten Glase alle„Stufen zum Throne so winzig vorkamen,„wie die daumenlange Holztreppe des Laub?„frosches in seinem Einmachglase.

"Es war ein recht guter'Prediger, besonders»ein Leichenredner, daher ihn auch ein recht guter»Prediger zu Gevatter bat, und das Pathchen steht"Mit da uns weint seines Orts über Lcibschmer-"zen. . . . Nur große Hofprediger, die in der"Hauvtkirche die fürstliche Leichenpredigt halten,,-könne» sich dessen rühmen, was ich zu meinem"größten Vergnügen jetzo höre, daß daS Leichcn-"gefvlge lacht, und das ist mir ein Pfand, baß ich"tröste. . . .

»Und doch hat einer, der auf dem Todtenbette»liegt, mehr Trost, als einer, der nur neben»dem Bettfuß steht. Das Souterrain der Erd-rinde bewohnen lauter stille, ruhende Menschen,"die vor einander zusammenrücken; aber auf dem"Souterrain stehen ihre unruhigen Freunde und„wollen hinunter in die geliebten Arme aus Staub;»denn die Leinwand auf dem Todten-Augs ist ja»ein Fallhut der erkalteten Stirn, der Sarg ist der»Fallschirm des Unglücklichen, und das Leichentuch"der letzte Verband der weitesten Wunden — ach"warum fällt der müde Mensch lieber in den kur-zen, als in den langen ungestörten sichern"Schlaf? So nimm denn, guter Sebastian, den»Tobtenschein als ein ewiges Friedeninstrument»aus der Hand der sanften Natur . . .

»Aber beim Henker! wo haben wir denn den»Todten? was soll die weiße Mütze da unten? —»Ich sehe die Leiche im Spiegel gegenüber — sie

»muß wo stehen — ich muß sie holen."-

— Mit einem Schauer seines Ich sprang erherab — ein erhabner Wahnsinn ging in den Stu-fen der Wehmuth, des Lächelns, des Erstarrens,sein Angesicht auf und ab. Er lief hinter einespanische Wand, die vor seine Statue aus Wachsgestellet war—und trug den wächsernen Menschenheraus — und warf ihn hin wie einen Leichnam— und ein Schleier war über den Leichnam ge-wickelt — und er stieg verzerret auf den Stuhl,um fortzufahren:

»Das ist die Nachtleiche — der verschlackte, der»verkohlte Mensch — in solche starre Klumpen sind»die Ich geklebt nnd müssen sie wälzen — Warum»bebet ihr über mich, Zuhörer, weil ich bebe, daß»ich dieses umgeworfene Menschenbild so starr an-blicke? — Ich seh' ein Gespenst um diesen Leich-»nam schweben, das ein Ich ist. . . . Ich!»Ich! du Abgrund, der im Spiegel des Gedan-»kens tief ins Dunkle zurückläuft — Ich! du Spie-»gel im Spiegel — du Schauder im Schauder!

" — Ziehet den Schleier vom Leichnam weg! Ich»will den Todten keck anschauen, bis er mich zer-stört." ...

— Jeder schauderte nach; aber ein Engländer

zog den Todtenschleier weg. Starr, sprach-

los, ergriffen, erbebend sah Viktor auf das ent-hüllte Gesicht, das auch lebendig um seine Seelehing; aber endlich ergossen sich Thränen über seinekalten Wangen und er sprach sonach leiser, wiewenn sich sein Herz auflöste:

»Seht wie der Leichnam lächelt! Warum lä-»chelst du denn jo, Sebastian? Warst du etwa« so"glücklich auf der Erde, daß dein Mund in einer"Entzückung erkaltete ? .. . Nein, glücklich warst»du wohl nicht — die Freude selber war oft für»dich ein Samengehäuse des Schmerzes — Und du"sagtest selber recht oft: ich bin schon zufrieden»und verdiene kaum meine Hoffnungen und Wün-»sche, geschweige ihre Erfüllung."-

„ Flamin! schaue dieses umgelegte Gesicht hier„an — es lächelt aus Freundschaft, nicht aus„Freute — Flamin, diese erloschene Brust war„ über ein Herz gewölbt, das dich ohne Gränzen„ liebte und bis in den Tod.

„Und das ist im ganzen daS einzige Unglück„ des armen Seligen. A» und für sich und seiner ,„ originellen Lage und Laune wegen hätte der gute„Bastian schon gut genug fahre» können; aber„ er war zu weich zur Freude — zu unbesonnen„ — zu heiß — fast zu phantastisch. Er wollte gar '„lieben (bei seinen Lebzeiten) und es war nicht„zuthun. Die Blumengöttin der Liebe ging„vor ihm vorbei, sie versagte ihm die Verklärung„ des Menschen, das Melodrama des Herzens, das„ goltns Zeitalter des Lebens. . . . Kalte Gestalt,„richte dich auf nnd zeige den Menschen dieThrä-»„nen, die aus einem weichen Herzen fließen, das„ vor Liebe bricht und keine findet! ...

»Wenn unserHorion nicht glücklich war: so mag"es ihm freilich gar wohl thun, wenn er schon am»Mittage des Lebens seine Mittagruhe halten»darf, wenn er sterben, und losgemacht vom heiß-"pochenden Herzen, gestillt vom Tvdesengel, sich so»frühe legen darf unter das lange Leichentuch, das»der Menschen-Genius über ganze Völker wie der