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„scheu, du versteckst deine weiten Nächte hinter„zusammengerückten Sonnen! Du ziehest uns und„unsre Thränen hinauf wie Dünste. — Ach wirf„nicht die armen sich so kurz sehenden Menschen so„weit auseinander, nicht so unendlich weit! —„Und warum kann der Mensch nicht Hinaufblicken„zu dir, ohne zu denken : wer weiß, welches ge-liebte Herz ich droben nach einem Jahre suchen„muß!" —
Seine verdunkelten Augen fielen schmerzhaftvom Himmel herab — auf Klotildens ihre, dieaufgehoben seinen gegenüber standen. Sie konntedie Thräne, die vom Auge erst bis zur Wangegefallen war, weder durch den Schleier entziehen,noch für eine auf dem Angesicht zergangne Schnee-flocke ausgeben, da der Schleier die Flocken ab-stieß ; aber eine solche Thräne hatte keinen Schleiernöthig. Klvtilde hatte gedacht, er meine blosEmanuel, und darum wurde sie weich.. . . Wiezwei scheitende Engel schauten beide sich mit wei-nenden Augen an. Aber Klvtilde zog die ihrigenab und ihr Haupt bückte erliegend sich vorwärts.Gleichwohl wandte sie sich wieder um und thatmit dem Himmelangesicht und mit der Himmel-stimme die schöne Bitte an ihn: „Würdigen Sie„dieser warmen Freundschaft auch meinen Bruder;
! „und vergeben Sie der Schwester heute diese„Bitte, da ich sie vielleicht lauge nicht erneuern„kann." — Er bückte sich tief und konnte nichtantworten. —
Aber da ihr Wohnort ihnen jetzt entgegenschim-nierte und ihr Schloß, von dem der SilberregendeS Mondes niederrann — da die Minute immerdunkler herankam, worin ihm der Abschied, (viel-leicht die Maske deS Todes,) diesen stillen Engelvon der Seite nahm — da ihm jede gleichgültigeAbschiedfvrmel, die er sich auSsinnen wollte, seinkrankes Herz zerschnitt — da er sah. wie sie ihrHaupt auf die Hand und auf den Schleier lehnte,um unbemerkt die ersten Zeichen ihres Abschiedeswegzunehmen oder aufzuhalten: so stürzte dieganze Wolke, die so lange einzele Tropfen inseine Augen fallen lassen, zeriffen auf ihn niederund überflutete sein Herz. Er hielt plötz-
lich still. ... Er sah mit unversiegenden Augen
gegen S. Linie. Klotilde kehrte sich um und
erblickte ein entfärbtes Angesicht, eine Stirn vollSchmerzen und einen zitternden Mund und sagteblöde: „Ihre Seele ist zu gut und zu weich." —Ja, dann brach sein überfülltes Herz entzwei. —Dann quollen alle mit alten Thränen vollgegosse-nen Tiefen seiner Seele auf und hoben aus denWurzeln sein schwimmendes Herz, und er sankvor Klvtilden nieder, glänzend in himmlischerLiebe und rinnendem Schmerz — von der Tügenduberflammt — vom Mondenlicht verklärt — mitder treuen erliegenden Brust, mit den überhülltenAugen, und die zerrinnende Stimme konnte nur dieWorte sagen: „Engel des Himmels! endlich bricht„das Herz, das dich unaussprechlich liebt — o ich„habe ja lange geschwiegen. — Nein, du edle Ge-„stalt weichest nie aus meiner Seele. — O Seele„von, Himmel, warum haben deine Leiden und„deine Güte und alles was du bist, mir eine ewige„Liebe gegeben, und keine Hoffnung und einen„ewigen Schmerz?"— Von ihm weggebogen lag
erus.
ihr erschrockNeS Angesicht in »yrer rechten Hand,und die linke deckte nur die Augen aber nicht dieThränen zu. Ein sterbender Laut flehete ihn anaufzustehen. Man horte den zweiten Schlittenvon Ferne. — „Unvergeßliche! ich martere Sie,„aber ich bleibe bis Sie mir ein Zeichen der Ver-gebung geben." — Sie reichte ihm die linke Handhinaus, und ein heiliges Angesicht voll Rührungwurde aufgedeckt. Er preßte die warme Hand ansein flammendes Angesicht, in seine heißen Thrä-nengüffs. Er fragte zitternd wieder: „O mein„Fehler wird immer größer, werden Sie ihn denn„ganz verzeihen?" . . .
Da verhüllte sich das erröthende Angesicht inden verdoppelten Schleier und stammelte abge-wandt: „ach dann muß ich ihn theilen, edler„Freund meines Lehrers."-
Seliger, seliger Mensch! nach diesem Wortbietet dir das ganze Erdenleben keine» größer»Himmel an! Ruhe nun in stillem Entzücken mitdem überwältigten Angesicht auf der Engelhand,in die das edelste Herz das für die Tugend wal-lende Blut auSgießet! Weine alle deine Freuden-thränen auf die gute Hand, die dir sie gegeben hak!Und dann: wem, du eS vermagst vor Entzückenoder vor Ehrfurcht, dann hebe dein reines glän-zendes Auge auf und zeig' ihr darin den Blick dererhabenen Liebe, den Blick der ewigen Liebe undder stummen, und der seligen und der unaussprech-lichen!—
Ach der, den einmal eine Klotilde geliebt hätte,der könnte jetzo vor Entzücken nicht weiter lesen
— nicht weiter schreiben.oder auch vor
Schmerz! —
Jetzt legte er den schönen Weg schweigend undgeheiligt zurück — der Mond hing wie ein be-thauter mit weißen Blüten überlegter Morgenvon, Himmel herab — der Frühling bewegte seineAuen und seine Blumen unter dem Schleier vonSchnee — das Entzücken schlug in Viktors Her-zen, schwoll in seiner Brust, glänzt' in seinemAuge —aber die Sprachlosigkeit der Ehrfurchtherrschte über das Entzücken. . . . Sie kamen an.Und als beide im Zimmer der Harmonika, wo erAbends vor Schmerzen ihre Hand ergriffen hatte,einander einsam gegenüber standen, so verändert,so selig zum erstenmale, zwei solche Herzen, sie wieein Engel, der vom Himmel niedersank, er wieein Seliger, der aus der Erde auferstand, umdem blöken Engel an LaS Herz zu fallen und mitihm sprachlos in den Himmel zurückzugehen.. .welche Stunde! — O nur für euch, ihr schönenSeele», die ihr solche Stunde nie erlebt und dochverdient, mal' ich diese fort!. . .. Wie zwei Se-lige vor Gott schauen sie einander in die Augenund in die Seele» — wie ein Zephyr, den zweischwankende Rosen fortsetzen, wehet zwischen denzitternden Lippen der sprachlose Wvnneseufzer,von der Brust in schnellen Zügen eingetrnnkenund freudig schauernd in lange» auSgezittert —sie schweigen, um sich anzublicken, sie heben dieAugen auf, um durch den Freudentropfen durch-zusehen, und senken sie nieder, um ihn mit demAugenliede abzutrocknen.... Nein, es ist ge-nug — o es ist eine andre Thräne, die jetzo drü-ckend in dem schönen Herzen liegt, das schweigt