Hesp erus.
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kaum mächtige Schwermuth zersetzt. Außerden Tönen kann ich noch die Bewegung zumErläutern dieser Erscheinung brauchen: alle Be-wegung ist erstlich erhaben — nämlich die vongroßen Massen, oder vielmehr jede schelle Bewe-gung gibt dem Gegenstand die Große des durch-eilten Raums, daher bei Abstich mit dem Zweckebewegte Gegenstände komischer sind, als ruhige— Zweitens, das Bewegen der Menschen stellteihm ihr Voriwerflaltern, ihr Fliehen in dieGräber dar. Er blieb oft in der Nacht trübeunten an Häusern stehen, in- deren zweitemStockwerk man tanzte, und sah hinauf, und LasBorüberschweben freudiger Köpfe war ihm derGaukelsprung der Irrlichter auf dem Kirchhofe.
Heute fühlte er dies bei einer zerschmolzenen über-laufenden Seele noch eher als sonst. Die An-glaise, worin aus der Kolonne ein Paar nachdem andern verschwindet, war ja das Bild un-sers schattigen Lebens, in das wir alle ausziehenmit Trommeln, und von tausend Spielkameradeneingefaßt, und in dem wir fortrücken jedes Jahrverarmend, jede Stunde einsamer, und worinwir zu Ende laufen von allen verlassen, außereinen! gemietheten Mann, der uns eingräbthinter das Ziel. —Aber der Tod breitet gleichsamunsere Arme aus und drückt sie um unseregeliebten Geschwister; ein Mensch fühlt erst amRande der Gruft, wo er ans Reich unbekannterWesen stößet, wie sehr er die bekannten liebt, dieihn lieben, die leiden wie er, die sterben wieer.
Da ein Weib uns mit nichts die ganze seligeVergangenheit rührender aufdeckt, als wenn sieihr 'Augenlied aufhebt und uns ihr schimmerndesAuge zeigt: so mußte er ja wohl wenigstens unterden, Tanze in ein Auge bücken, das ihm lauterHimmel zeichnete, die versunken waren — undheute sollte ihm alles versinken, LaS Auge sogar.Und da Klvtilde durch das Tanzen gewöhnlich er-blaßte: so zog er durch ihre Augen in ihr Inneresund zählte darin an der stillen Seele die Thrä-nentropfen, die unerschüttert an ihr hingen — dievielen Jmpf-Einschnitte des Schicksals für neueTugenden — die beschnittenen Wurzeln, die dasSchicksal an dieser Blume, wie wir an niedernGewächsen, vor der Verpflanzung in eine andreErde verkürzt — und die tausend Hvniggefäßeschöner Gedanken. Und da er an alle ihre bedecktenTugenden auf einmal dachte, an die Herrschaftihrer weiblichen Vernunft über ihre Empfindsam-keit, an ihr leichtes Einwilligen in kett Ball, denihr jetzo der Fürst, so wie das in die Schminke,die ihr sonst die Fürstin aufgedrungen, und anihre Gefälligkeit, sobald sie nichts aufzuopfernbraucht« wie sich; und da er sich vorhielt, daß sie,nicht ähnlich den Hof- und Stadtweibern, die wieGewächse sich ans Fenster des Gewächshausesnach dem Lichte ausspreizen, sondern ähnlich denFrühlingblnmen gern im Schalten blühe, und dochdie Liebe zum Landleben so wenig wie ihre Be-scheidenheit zur Schau auslege: so mußt' er daSAuge abwenden von der zarten aufgerichtetenBlume, auf die der Tod den Leichcustein niederwarf, von der schönsten Seele, die ihren Werthnoch nicht im Spiegel einer gleichen sah, vom
sterbenden Herzen das doch nicht glücklich war.
Alsdann flieg freilich der Gedanke, vor dem erzusammenfuhr, wie ein Sturm empor: „Ich will„ihrS heute sagen, wie gut sie ist — o ich-seh' sie„doch nicht wieder und sie stirbt sonst von sich un-bekannt! Ich will ihr zu Füßen sinken und„meine unaussprechliche Liebe bekennen. Sie„kann nicht zürnen; ich begehre ja nicht ihr hei-liges Herz, das keiner verdient, ich will ja nur„sagen : meines vergißet dich nie, aber es verlanget„deines nicht, eS will nur sanfter brechen, wenn„es vor dir gezittert und geblutet und geweinet und„gesprochen hat". . .
Nahe hinter diesem Gedanken kam Klotilde sel-ber zu ihm an der Hand ihrer Stiefmutter, und dasvon der Wärme wie Rosen von der Sonne ent-färbte Angesicht, die kränker» müden Züge thatendie stille Bitte, in die frische Luft und nach HauSzu kommen.
Sie fuhr; die Stiefmutter entfernt hinter ihr.
— Welcher Tausch der Bühnen! — Unter deinMorgenthor des Himmels stand der Mond, derden Leichenschleier aus Gewölk abgehoben hatte vonder Milchstraße und von dem ganzen blauen Ab-grund. Er trug allmälich einen Grund von Sil-ber auf und zeichnete mit Schatten und Blitzen einrückendes Nachtstück hinein. Sein Licht schiender Frost in Körper zu verdichten, in weiße Auen,in taumelnde Ströme, in schwebende Flocken; eshing blitzend als weißes Blütenlaub an den Ge-büschen, es glimmte die östlichen Berge hinauf,die die Sonne in Eisspiegel gegossen hatte. Undalles über dem Menschen und um den Menschenwar erhaben still—der Schlaf spielte mit dem Tod —jedes Herz ruhte in seiner eignen Nacht.—
Und hier bei diesem Eintritt gleichsam aus demGetümmel der Erde in die stille überdämmerteUnterwelt flössen kalte Schauer und nach ihnenglühende Schauer über Viktors Nerven. — Diesgeschieht, wenn die Seele deS Menschen zu voll istund zu sehr erschüttert wird, und alle Fäden ihreszitternden Körpergewebes schwanken dann mit ihr.
— Sein Schlitten wurde jetzt eine fliegende Gon-del. Die entgegenschlagende Nachtluft wehte alleseine Flammen an. O! der Strom voll Eisspitzen,wenn er über ihn gezogen, die kühle Decke vonSchnee, wenn sie auf ihm gelegen wäre! — Im-merfort rief es in ihm: ,-du fährst die Stille, die--Geduldige mit ihrem schwarzen Schleier demTode zu — es ist ihr Leichenwagen — die edle--Perlenfischerin hat dem Himmel ihr Zeichen--gegeben, daß sie hier unten Schmerzen und Tu-"genden genug gesammelt habe, damit er sie wie---ker hinaufziehe zu sich." — Die vorüberrückendenBerge, die vorbeisiürzendcn Bäume, die weg-rinncnden Felder, diese Flucht der Natur schien ineinen großen Waffsrfall zusammenzufließenderalles mitlrieb und den Menschen zuerst, und nichtsstehen ließ als die Zeit.—Undals er in das Thal,wo die Stadt verschwindet wie vor einem Jahreseine begleitenden Freundinnen, hinunterrvllte, undals der Mond scheinbar hinter den Bäumen durchden Himmel zu fliegen anfing: so richtete er seineAugen gegen die Sterne auf und redete zurück-gebogen hinaufstarrend, zertrümmert den Him-mel laut an: --tiefes blaues Grab über den Men-
Jean Paul's Werke. I.
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