Band 
I.
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Hesp crus

S66

' tor so diese trübe Vergangenheit durchdachte undi sich erinnerte, wie ihr im Schauspielhaus«, wo erihr seine Wissenschaft um ihre Verschwisterungzeigte, die letzte Blüte der Wange, der letzteZweig der Hoffnung wegbrach, weil sie sein bis-heriges Schweigen für ein von seinem Vater besohl-nes halten konnte — Und da alle diese Züge ineine Himmelkönigin zusammenliefen, vor welcherdas Niederknieen leichter als das Umarmen ist —Und da er weiter bedachte, daß dieses edle von ei-nem Emanuel verschönerte, und eines Emanuelswürdige Herz sich dock mit allen seinen Himmelndem wankelmülhigen Herzen des Schülers ergab

— und daß der Guten nicht einmal dieser be-scheidne Wunsch gelang, weil das Schicksal dieBlüte ihrer Liebe wie die einer- Rosenstaude auf-schob durch Verpflanzung, durch Setze» in Schat-ten, durch Beschneiden der Knospen im Früh-jahr und Herbst—Und da er sah, daß gleichwohldiese Edle mit dem Finger auf dem Munde, mitder Hand auf dem trüben Herzen-, ohne einenWink ihres Grams geschieden wäre nach Maien-thal, und daß die moralische Kälte diese Blume,wie die physische andere Blumen, erhob, aber ihrdadurch die Wurzeln des Lebens abriß — Und daendlich sein Traum am dritten Osterffeiertag, woihm vorkam, als sah' er sie auf einem lichten Ne-bel singend aus der Erde steigen, wie eine großeRegenwolke vorüberging und der Traum mit ih-ren erblaßten Farben vor seiner schmachtendenSeele stille stand, und eine Stimme aus demTraum ihn fragte: »wirst du sie lange lieben, da»sich Engel nach ihr sehnen und sie aus dem Kum-ulier heben und dir nichts lassen, als das Grab

»des zu lang verkannten Herzens?"-Da alle

diese Gedanken glühend und aneinandergereihetwie Hügelketten von rothen Abendwvlken um seineSeele zogen: So wurde sein Herz wie ei» Altar

! durch ein vom Himmel fallendes Opferfeuer be-deckt und alle seine erdigen Lüste, alle seine Fle-cken vergingen in diesem Feuer — kurz, er be-schloß, sich zu bessern, um Lurch Tugend würdigzu sein einer Tugendhaften.

! Er bekehrte sich den 3ten April i7yZ gegen! Abend als der Mond — und dieErde — unterseinen Füßen im Nadir waren. —

Der Leser kann über diesen Chronometer gelachthaben; aber jeder Mensch, an dem die Tugend et-was höheres ist, als ein zufälliger Wasser ästund Holztrieb, muß die Stunde sagen können,worin jene die Hamadryade seines Innern wurde

— welches die Theologen Bekehrung und dieHerrnhuter Durchbruch nenne!!. Wie soll dieZeit nicht unsre geistigen Empfindungen abmarken,da ja blos diese jene abstecken?

ES gibt — oder kommt — in jedem mehr svla-rischen als planetarischen Menschen eine hoheStunde, wo sich sein Herz unter gewaltsamenBewegungen und schmerzlichen Losreißungen, end-lich durch eine Erhebung plötzlich umwendetgegen die Tugend, in jenem unbegreifliche»Üebergang, wie der ist, wenn sich der Mensch von> einem Glaubensystem auf einmal zum andern,! oder vom höchsten Punkte des Grolls schnell zu ei-! ner zerschmelzenden Vergebung aller Fehler hinü-^ berhebt — jene hohe Stunde. die Geburtsiunde des

tugendhaften Lebens, ist auch die süßeste desselben,weit dem Menschen ist, als wäre ihm der drü-ckende Körper abgenommen, weil er die Wonnegenießet, keine WiLer sp r ücbe in sich zu füh-len, weit alle seine Ketten fallen, weil ernichts mehr fürchtet im schauerlich-erhab-nen All. — Der Anblick ist groß, wenn der En-gel im Menschen geboren wird, wen» alsdannam Horizont der Erde die ganze Sonnenwärmeder Tugend auf das Herz nicht mehr durch Wol-ken fällt. —

Aber der arme Mensch, der gedundne, inBlut versunkne, von Fleisch umfaßte Menschempfindet bald den Unterschied zwischen seinenEntzückungen und seinen Kräften; er, der das ge-lobte Land erkämpfen wollte, da ihm die Traubendesselben entgegen kamen, stockt, wenn er gegentegen Riesen ziehen soll (gegen die Leidenschaften).Gleichwohl verwerf' ich nicht einmal die Uebertrei-bung jenes Enthusiasmus; der Mensch muß wieGebäude in die Höhe geschraubt werden, da-mit er umgebauet werde; ein Syllogismus gräbtdie Blutströme unserer Begierden nicht ab. Esist sonderbar, daß der Teufel in uns allein daSRecht haben soll, das Blut, die Nerven, die Ge-tränke, die Leidenschaften zu seinen Kriegvpera-zionen und für seine Reichstage zu verwenden,der Engel aber nicht.. .

Indessen ists so: die Menschen sind lasterhaft,weil sie die Tugend für zu schwer ansehen, und siewerden es wieder, weil sie sie für zu leicht hielten.Nicht die Vernunft (d. h. das Gewissen) machtuns gut: sie ist der ausgestreckte hölzerne Arm amWege der Tugend; aber dieser Arm kann unsweder hintragen noch hindrängen — die Ver-nunft hat die gesetzgebende, nicht die ausübendeGewalt. Die Kraft, diese Befehle zu lieben,die noch größere, sich ihnen zu ergeben, ist einzweites Gewissen neben dem ersten; und wie einKant nicht das mit Diule anzeichnen kann, wasdie Menschen schlimm macht, so ist auch das nichtdarzustellen was sein Herz über dem moralischenKothe aufrecht erhält oder aus diesem emporzieht.

Wer erklärt es, wenn es Menschen gibt, dievon Jugend auf ein gewisses Gefühl von Ehreentweder besitzen oder entbehre» — im weiblichenGeschlecht ist diese Abtheilung noch schroffer undwichtiger — wenn es Menschen gibt, die von Ju-gend auf eine gewisse Sehnsucht nach dem Ueber-irdischen, nach der Religion, nach dem Edlerenim Menschen, (und nach Systemen, die diesesEdlere besiegeln und nicht bestreiken) entwederempfinden oder ewig entratben?-(Bei Kin-

dern ist warmes Gefühl für die Religion oft einZeichen des Genies.) Der Mensch wird nichtgut (obwohl besser), weil er sich bekehrt, sonder»er bekehrt sich, weil er gut ist.

Wäre die Tugend nichts wie Stoizismus: sowäre sie ein bloßes Kind der Vernunft, derenPflegetochter sie höchstens ist. Der Stoizismusstellt die Tugend so nützlich, so vernünftig dar,daß sie nichts weiter ist als ein Schluß, man hatbei ihr nicht« zu überwinden, als Irrthümer.Da sie (nach ihm) nicht das höchste, sondern daseinzige Gut ist; da alle Begierden nach ihm auf