Band 
I.
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Hesperus. 569

bis Mitternacht seinen Herrn umwachte. Jennerschien in dieser Einsamkeit mehr an seine Kinderzu denken, und Viktor konnte ihm keine Nachrichtvom Lord ertheilen. Die Hauptsache war vollendsseine Frühlingkränklichkeit, die ihn wieder zumgläubigen Jünger deL v. Kuhlpepper und des Po-dagra machte. Dieser v.-Rumpf unter einemDoktorhüte, dessen Gehirnfiber» zu Baßsaiten ge-zwirnt waren, versteigerte seine Einfältigkeitenblos durch die ernsthafte Schwerfälligkeit, womiter ihrer los wurde, über den Preis; von gewissenPersonen, z. B. von Aerzten von Finanz-Rechnern,von ökonomischen Geschäftträgern fodern sogarLeute von feinen Sitten steife, und halten stch aneine Zipfelperücke lieber, als an einen Haarbeutelvon Schnallengröße oder an einen Tiluskvpf.Sebastian kam den Leuten viel zu spaßhaft vor,als daß sie hätten denken können, er habe was ge-lernt. Im Punkte der Aerzte — wie in jedemHauptpunkte des Vermögens oder des Lebens —denkt der vornehmste Pöbel wie der niedrigste undschätzet Männer und Schooßhuude nach äußererzottiger Wilduiß. Noch dazu hatte Viktor denFehler, sich und die Aerzte in den Verdacht derRuhmsucht zu bringen, indem er sie geradezulobte: z. B. „sie wären bei ihrem Matrosen- und„Todten-Pressen eine Art Seelenverkäufer für die„andre Welt und dienten den guten Engeln, die„den Kern ohne die Körperschule begehrten, um„ihn weiter zu stecken, zu Nußknackern — wie„oft heben wir nicht (fuhr er fort) die gefähr-lichsten K r a n k h e i t v e r s e tz u n g e n durch eine„leichte Krankenve rsetz ung? Ich konnte„mich auf die rekuxiks aus dieser Welt berufen,„ob unser Streu - und Dintenfaß, (das Geräthe„unserer Rezepte) nicht die Säemaschine und„Gießkanne der menschlichen Wintersaat waren;„aber die Hinterbliebnen solle» reden und ant-worten, ob sie nicht die Pfründen, die Regi-„menter, die Lehngüter, die Ordenbänder, die„ihnen zugefallen, unsern Rezepten und UriaS-„briefen zu verdanken haben, und ob sie und sogar„Könige im Trocknen säßen ohne unsere häufi-gen Abzuggräben im Kirchhof? — Und doch„dünkt mich ist unser Ruhm im Heilen und Be-leben ebenso groß, wo nicht größer: dieser Ruhm„—so wie die Sterblichkeitlisten, worauf er sich„stützt — ist seit vielen Jahrhunderten der näm-liche geblieben, unsre Theorien, Spezifik»,„Einsichten mochten sich ändern wie sie woll-„ten." ..

Den Fürsten machten solche Satiren recht lustigund — ungläubig. ». Kuhlpepper hingegen hieltauf seine Würde und würde gegen einen Satiri-kus, der vom langsamen Dezimieren der Aerztegesprochen hätte, seinen Degen gezogen und ihndurch ein schnelleres vollständig widerlegt haben.Ich rathe jedem, der in der Welt etwas werdenwill ( nämlich etwas ander!), bei den Männernauszusehen wie ein Leichenbitter — bei den Wei-bern wie ein Gevatterbilter. — Der Fürst hieltsich im siechen Frühjahr aus zwei Gründen wiedervom Zipperlein besessen, erstlich weil ich noch kei-nen Nervenschwächling gekannt habe, der sich eineKrankheit, die ich ihm im Sommer ausgeredethatte, nichr im nächsten kränklichen Winter wieder

in den Kopf gesetzt hätte — zweitens weil Jennernachgerechnet, daß er oft genug vor Damen auf dieKnie gefallen war, um das Anbeten daran nochals Gonagra oder Kniegicht zu spuren.

So stands, als ein kleiner Zufall unsern Viktorwieder glücklich machte. Ich muß nur vorhersagen, daß er ohnehin garnicht unglücklich war;denn ein Liebhaber bekümmert sich um nichts, umeinen Hof gar nicht; er hat Amors Binde um undverzeiht gern der Fortuna und der Justiz die ihri-gen. Und daS moralische Osterfeuer lösets — sowie Aberglaube dem physischen eine eigne Kraftbeimisset — alles Eis, womit man Viktors Blutandämmte, in Freuden-Lymphe auf; der Osterwind

— der »ach dem Wetterpropheten bis zu Pfingstenfortweht — setzte seine alten Freudenblumen inBewegung und säete aus ihnen den Samenstanbkünftiger weiter; der Schnee zerging auf dem ausdem Winterschlafe erwachenden heißen Frühling,und die ersten Blumen und die taufend Knospengaben allen Herzen Kräfte und Hoffnungen undLiebe. O wenn Viktor draußen dem grünendenSteige nachsah, der ihn mit frischen Saftfarbenmitten aus der Grummetsteppe (denn im Früh-ling grünen die Fußwege zuerst) in daS Maien-thalische Eden locken und tragen wollte; und wenner dann glühend und dürstend umkehrte und indas gezeichnete Maienthal einlief, in die entlehn-ten Prospekte, und da jeden Farbenberg erstieg undjeden punktierte» Garten umzingelte mit seinenFingern und Phantasiern: so dachte er selber nicht,daß ein kleiner Zufall ihn noch froher machenkönnte. — Und doch machte ers ihn.

Es ist nicht wohlgethan von mir, daß ich das

— und das hab' ich mir in dieser Lebensbeschrei-bung so sehr angewöhnt — immer einen Zufallnenne, was ein naher Blut-Urenkel voriger Ka-pitel ist uüd was ja kommen muß. Denn derFlorhut — das war der Zufall — mußte jakommen, weil er bestellt war. ES war aber daS

— Urbild selber. In so schmaler Zeit wäre ohne-hin von der flinkesten Putz-Bauherrin kein Hutzu machen gewesen; aber Sebastian hätt' es kochnicht bedacht, wenn ihn nicht Puderspuren undaufgegangne Spitzen-Gitter gezwungen hätten,den alten Hut von einem neuen zu unterscheiden.Kürz: Klotilde hatte ihn Agathen, die eS ihrnicht verschweigen konnte, für wen sie da§ Nach-bild davon nehme, vor dem dritten Ostertagegegeben zum Abkopieren, und nach dem besagtenTage ihr geschrieben, ihr die Kopie zu schickenund dem Medikus das Urbild für daS Nachbild(wie bei der Wachsstatue) anzuhängen — unswarum wohl? — O das fühlte ihr Freund in sü-ßer Rührung nach: es dauerte sie, Laß sie einemscheuen zärtlichen Herzen nichts geben konnte,keinen Laut, keinen Blick, keine Freude, keinAndenken des schönsten AbendS, als blos den herbst-lichen Nächster desselben, als nachgenähte Seiken-blumen dieser Freudenblume, den Taftschatten einesTaflschattens.. .. Nein, sie bezwäng sich, um demstummen Liebling wenigstens mehr als die Kopie desSchattens zu geben. — Ovor wem das liebevolle zu-gedrückte Herz eines guten Weibes aufginge: wievielbekämpfte Zärtlichkeit, verhüllte Aufopferungen undstumme Tugenden würd' er darin ruhen sehen!

Lea» Pam'ö Vcrke. k.