Band 
I.
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Hespe rus.

Nacht des dritten Ostertags träumte mir: ich undEmanuel ständen in einer dunkeln Nachtgegend.Eine große Sense am westlichen Horizont warfwiderscheinende laufende Blitze auf die hohen Flu-ren . die sogleich vertrockneten und erblichen.Wenn aber ein Blitz in unser Auge flatterte: sozog sich unser Herz ssüß zergehend empor in derBrust, und unsere Körper wurden leichter zumWegschweben. »ES ist die Sense der Zeit," sagteEmanuel, »aber von was hat sie wohl den Wider-schein?" — Wir schaueten nach Morgen, und dorthing weit in der Ferne und hoch in der Luft einweites dunkelglühendes Land aus Duft, das zu-weilen blitzte. »Ist das nicht die Ewigkeit?"sagte Emanuel. — Da sanken vor uns lichteSchneeperlen wie Funken nieder; — wir blicktenauf, und drei gvldgrüne Paradiesvogel wiegtensich oben und zogen unaufhörlich in einem kleinenKreis hintereinander umher, und die fallenden Per-len waren aus ihren Augen oder ihre Augen selber.— Hoch über ihnen stand der Vollmond im Blauen,aber auf der Erde war doch kein Licht, sondern einblauer Schatten; denn daS Himmelblau war einsgroße blaue Wolke, blos an Einer Stecke vomMonde geöffnet, der nur auf die drei Paradies-vögel und unten auf eine Hecke von uns abge-kehrte Gestalt Schimmmer niedergvß — Siewaren diese Gestalt und wendeten Ihr Angesichtblos gegen Morgen, gegen die hängende Land-schaft, als ob Sie etwas da sogleich erblickenwürden. Die Paradiesvogel säeten die Perlenhäufiger in Ihre Augen: »es sind die Thränen,»die unsere Freundin weinen muß" sagte Ema-nuel ; auch fielen sie dann aus Ihren Augen, aberlichter, und blieben glimmend auf dem Blumenbo-den siehe». Das Blau auf der Erde wurde plötz-lich Heller als das Blau am Himmel, und eineschiefe Höhle, derer Mündung gegen die Ewig-keit aufklaffte, wühlte sich rückwärts durch dieErde gegen Abend bis nach Amerika hinab, wounten die Sonne in die Oeffnung schien — undein Strom von.Abendröthe, so breit wie einGrab, schoß aufwärts aus der Erde und legte sichmit seinem Abendscheine an daS ferne Duftlandder nebeligen Ewigkeit wie dünne Flammen an.Da zitterten Ihre Arme ausgebreitet, da zitter-ten Ihre Lieder voll sehnlüchtiger Wonne, dakonnten wir und Sie die erleuchtete Ewigkeitganz sehen. Aber sie wechselte schillernd unterdem Sehen, wir konnten das nicht denken und be-halten, was wir sahen, eS waren unfaßliche Ge-stalten und Farbenspiele, sie schienen nahe, schie-nen fern, schienen mitten in unseren Gedanken zusein. — Wölkchen aus der Erde aufziehend schweb-ten um die glühende Ewigkeit und jede hob einenauf ihr stehenden singenden Menschen hinauf zudieser Lichtinsel, die sich gegen die Erde spaltete,blvS mit einer unabsehlichen Reihe von weißenBäumen, aus Licht und Schnee gegossen undstatt Blüten Purpurblumen treibend — Und wirsahen unsere drei Schatten erhaben an dem licht-weißen Hain, hinübergeworfen, liegen, und aufKlotildenS Schatten hingen die Purpurblume»wie Kränze nieder: ein Engel umflog den holdenSchatten und lächelte ihn zärtlich an und berührtean ihm die Stelle des Herzens — Da erbebtest du

plötzlich, Klotilde, und wandtest dich um gegenuns, schöner als der Engel in der Ewigkeit; deinganzer Boden glimmte unter den gefallnen Thrä-nen und wurde durchsichtig —Und als deine nieder-sinkenden Perlen jetzt den Boden in eine aufdrin-gende Wolke auflöseten: reichtest du uns eilig dieHand und sagtest: die Wolke hebt, wir sehen unSwieder. — Ach mein zerflossenes Herz faßte feinBlut nicht mehr, ich kniete nieder, aber ich konntenichts sagen, ich wollte meine Seele in einen ein-zigen Laut zerschmelzen, aber die gebundne Zungevermochte keinen, und ich starrte die aufsteigendeUnsterbliche an mit unendlicher und trostloserLiebe — Ach, dacht' ich, das Leben ist ein Traun,;aber ich könnte ihrs vielleicht sagen, wie ich sieliebe, wär' ich nur erwacht.

Dann erwacht'ich — O Klotilde, kann es derMensch sagen, wie sehr er liebt?"

L-

Sein Charakter und der Inhalt dieses Traumesschließen den Argwohn der Erdichtung aus. —Uebrigens wenn ihm auch Klotilde den eingehüll-ten Wunsch, sie in Maienthal zu sehen, versagt:so muß sie es doch auf einem Blättchen und mitdrei Zeilen thun, die er dann tausendmal lesenkann und die das Bilder- und Siegelkabinet,worin schon Hut und Prospekt liegen, um ein An-sehnliches bereichern. Inzwischen stand er in sei-nem schönen Alpenkhal zwischen zwei hohen Ber-gen, auf deren jedem sich der Stoff zu einerSchneelauwine regte — vielleicht ist schon obeneine im erquetschten Gange und er kann sie »ochnicht sehen. — Die erste Lauwine, die sein gering-ster Laut über ihn Herunterwerfen kann, ist seintolles Verhältniß mit seiner höfischen Bekannt-schaft. Er kann sich rühmen, sie sämmtlich aufge-bracht zu haben: die Fürstin, Joachimen, Mal-thieu. Aber auch ohne das muß schon irgend einKonduktor — blos weil er nicht auf dem gemein-schaftlichen Jsolierschemel des Thrones mit steht—mit einem verjüngten Blitze in feine Finger oderAugen einschlagen; in Kollegien und an Höft»bleibt vhne Verbindung keiner aufrecht; es ist dawie auf den Galeeren, wo alle Sklaven ihre Ru-der zugleich bewegen müssen, wenn keiner dieSchneide der Kette empfinden soll. Aber Viktorsagte zu sich: »sei kein Kind! sei kein umgekehrter»Fuchs, der sauere Trauben, blos weil er sie nicht»mehr erspringen kann, für süß ausgibt! Ich»schmeichle mir, du kannst höfische Herzen entra-»then, die wie ihre Gerichte über einem Wärin-»becken voll flimmernden Weingeist erst ausge-»wärmt werden müssen. — Beim Himmel, ein»Mensch wird doch essen können, wenn auch das,»was er anspießet, nicht von einem Gardesokdaten»aus der Küche geholt, dann einem Pagen einge-»händigt, dann von einem Kammerherrn oder»sonstigen Ordonanzkavalier aufgetragen worden»ist. —Nur meinen Vater wenns nicht verschlägt!"Das warS eben; am Sohne war nichts zu fällensondern am Vater*, für den man den Wald,

* Well dle Hofleute auch hierin den ersten Christen