Band 
I.
JPEG-Download
 

576

Hespcrus

keine Täuschungen genommen, als höchstens un-angenehme. — O die Liebe und die Tugend habenein nacktes Gewissen und entschuldigen ihre himm-lischen Freuden länger und mehr als andere ihrehöllischen!

Als Viktor noch dazu daran dachte, daß denTagen der Liebe sobald Las Laub und die Blütenabfallen, und daß Emanuel und selber Klotildezwei hart aus Ufer des Grabes gerückte Blumensind, deren lose nackte Wurzeln schon ersterbenHinunterhängen: so war sein Entschluß befestigtund er schrieb an Emanuel die Nachricht seinerAnkunft zu Pfingsten, um Klvtilden durch keinenUeberfall zu erzürnen und um ihr noch dazu dieGelegenheit eines Verbotes zu lassen. SeineWendung war die: „Wenn es sein sokratischer„Genius erlaube (d. h. Klotilde), der ihm immer„sage, was er nicht thun solle: so komm' er zu„Pfingsten, da ohnehin die Stadt da veröde,„da Flamin auf vier, fünf Tage nach Kuffewiz„reise" rc.

Als er den Brief fertig hatte : siel ihm ein, daßer gerade heute an diesem 2ysten April vor einemJahre die ganz Nacht gereiset sei, um mit demersten Mai am Morgen durch den Nebel inS jPfarrhaus zu treten. „Ich kann ja wieder die„schwüle Zephyrnacht nicht unter dem Deckbetts,„sonder» unter den Sternen verbringen. — Ich„kann in Einem fort ins Abendroth nach Maien-„thals Bergen schauen. — Ich kann ja lieber den„halben Weg darauf zu gehen —oder gar den gan-„zen. — Ich kann mich auf einen Berg stellen und„ins Dörfchen schauen — Wahrlich ich kann dann„mein Billet hier irgend einem Maienthaler inko-„gnito einhändigen und wieder ReißauS nehmen„noch vor Tags."

Um sieben Uhr Nachts ging er wie das Meervon Osten nach Westen. Orion, Kastor und An-dromeda blinken in Westen nicht weit vom Abend-roth über den Gefilden der Geliebten und werdenwie diese bald aus einem Himmel in den andernuntergehen. Das von lauter Hoffnungen erschüt-terte Herz, seine erhitzten Gehirnkammern, andenen das mit sym p a t h eti sche rDintegezeich-nete Maienthal immer lichter und farbiger vor-trat, dieses innere fast schmerzliche Brausen derFreude raubte ihm anfangs das Vermöge», denin griechischer Schönheit aufgebaueten Frühling-tempel in eine stille helle Seele aufzufassen. DieNatur und die Kunst werden nur mit einemreinen Auge, aus welchem die beiden Artenvon Thränen weggewischet sind, am besten ge-nossen.

Aber endlich überdeckte das ausgebreitete Nacht-stück seine heißen Fieberbilder, und der Him-mel drang mit seinen Lichtern und die Erde mitihren Schatten in sein erweitertes Herz. DieNacht war ohne Mvndlicht, aber ohne Wolken.Der Tempel der Natur war wie ein christlichererhaben verdunkelt. Viktor konnte sich aus denLaufgräben langer Thäler, aus Wälder-Finster-niffen und aus dem schillernden Nebel der Wiesennicht eher erheben als in der Mitternachtstunde,wo er einen Berg wie einen Thron bestieg und sichda auf den Rücken legte, um die Augen in denHimmel unterzutauchen und sich abzukühlen vom

Träumen und Lanfen. DaS hereinhättgende Him-melblau schien ihm eine dünne blaue Wolke, einin blaue Dünste zerschlagnes Meer zu sein, undeine Sonne um die andre theilte mit ihren langenStralen diese blaue Flut ein wenig auseinander.Der Arkturus, der dem liegenden Menschen gegen-über stand, stieg schon von der Zinne des Him-mels herab, und drei große Sternbilder, der Luchs,der Stier, der große Bär zogen weit voraus un-ter das Abendthor. — Diese nähern Sonnen wur-den von entrückten Milchstraßen mit einem Hofumschwommen, und tausend große in die Ewigkeitgeworfne Himmel standen i» unserm Himmel alsweiße spannenlange Düfte, als lichte Schneeflockenaus der Unermeßlichkeit, als silberne Kreise ausReif. — Und die Schichten aneinandergedrückterSonnen, die erst vordem tausendaugigen Augeder Kunst den Nebelschleier fallen lassen, spieltenwie Streife unserer Sonnenstäubchen, imglühenden durch das Unermeßliche brennendenSonnensiral des Ewigen. — Und der Widerscheinseines durchglühten Thrones lag hell auf allenSonuen —

— Plötzlich stellen sich nähere zerschmolzenej Lichtwölkcken, nähere Nebel, aufgeflogen ausThau, unter der Versilberung, tief herab vor dieSonnen, und der Silberblick des Himmels läuft

mit zertragenen dunkeln Flocken an.-Viktor

begreifet die überirdische Entzündung nicht und

richtet sich bezaubert empor.und siehe, der

gute verwandte nahe Mond, der sechste Welttheilunserer kleinen Erde, war still und ohne das Freu-dengeschrei des Morgens neb en der Triumph-pforte der Sonne hsreingetreten in die Nacht sei-ner Muttererde mit seinem halben Tage.

Und als jetzt die Schatten von allen Bergenrannen und durch die aufgedeckten Landschaftennur in Bächen zwischen Bäumen zogen, und alsder Mond dem ganzen dunkeln Frühling in derMitternacht einen kleinen Morgen gab: so faßteViktor nicht nächtlich.melancholisch, sondern mor-gendlich-verjüngt den großen runden Spielraumder jährlichen Schöpfung in sein erwachtes Auge,in seine erwachte Seele, und er überschauete denFrühling unter dem innern Freudengeschreimitten in der weitesten Vsrstummung, unter demGefühle der Unsterblichkeit im Kreise des Schla-fes. —

Auch die Erde, nicht nur der Himmel, macht denMenschen groß!

Ziehet in meine Seele und in meine Worte,ihr Maigefühle, die ihr in der Brust meines Vik-tors schlüget, da er über die knospende schwellendeErde sah, von Sonnen über seinem Haupte be-deckt, von grünendem Leben umstrickt, das vonGipfeln zu Wurzeln, von Bergen zu Furchenreichte, und voneinem zweiten Frühling unter seine»Füßen getragen, da er sich hinter der durchbro-chenen Erdrinde die Sonne mit einem Glanztageunter Amerika stehend dachte. — Steige höher,Mond, damit er den quellende«, geschwollenen,dunkel-grünen Frühling leichter sehe, der mitkleinen blaffen Spitzen aus der Erde bringt, biser sich herausgehoben voll glühender Blumen,voll wogender Bäume — damit er die Ebene»erblicke, die unter fetten Blättern liegen und auf