Band 
I.
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Hesp

,wir UNS nicht Mehr, nun wollen wir ewig so„bleiben. — Ach wie unaussprechlich werken„wir uns einmal lieben, wenn mein Vater„kömmt!"

Hier holte sie die vielleicht um beide besorgtePfarrerin ab, und Flamin ehrte sie, was er seltenthat, in seiner Erweichung mit einer kindlichenUmarmung; und aus vier verweinten Augen lassie entzückt die Erneuerung ihres unvergänglichenBundes.

Nichts beweget den Menschen mehr, als derAnblick einer Versöhnung; unsere Schwächen wer-den nicht zu kostbar durch die Stunden ihrer Ver-gebung erkauft, und der Engel, der keinen Zornempfände, müßte den Menschen beneiden, der ihnüberwindet. — Wenn du vergibst, so ist derMensch, der in dein Herz Wunden macht, derSeewurm, der die Muschelschale zerlöchert, welchedie Oeffnungen mit Perlen verschließet.

Diese Aussöhnung zog gleichsam eine mit demGlück nach sich — der veulliuii-u-Abend wurde zueinem üvrüul-Abend — die Drillinge aßen vomgebratnen Ruhm der Appel nach — der Pfarrerhatte mit keinen Schlüsseln weiter zu thun, alsmit Löseschlüffeln, den geistigen Musikschlüffeln —und das Geburtfest war zu einem Bundfeste auf-geblühet, zu einem Opposizionklub, wo sich alles,aber in einem höhern Sinne als Quäker undKaufleute, Freund nannte. Die Drillinge hiel-ten altbrittische Reden, die nur freie Menschenverstehen konnten. Viktor wunderte sich über dieallgemeine Freimüthigkeit vor einer so gestacheltenSchmeiß-Mouebv wie Matthieu war — aber dieEngländer fragten nach nichts. Der Pfarrerschickte Herzgebete ab und sagte „er seines Orts„nehme wenig Notiz davon und bitte nur leiser zu„haranguiren, damit er nicht in den Ruf käme,„als ob er pietistische Konventikel in seiner Pfarre„zuließe, inzwischen steif' er sich ganz auf den„Herrn Hofmedikus und Herrn Hofjunker, die„ihn gegen Fiskalate gewißlich decken würden; sonst„würd' er Frau und Sohn nicht mit drein sprechen„lassen." Die Pfarrerin zog die Erinnerungenan ihr freies Vaterland den besten Verleumdungenund Moden vor. Viktor mußte heule sein Ver-sprechen halten, seine republikanische Orthodoxieaußer Zweifel zu setzen; und da er solches vorunsern Ohren gab, wollen wir auch mit sehen, wieer es hält und ob er ein Alt-Britte ist.

Er ahmte meistens den Stil nach, den er zuletztgelesen oder — wie heute — gehört hatte; dahersprach er in Sentenzen wie der eine brennend-kalte Engländer.

--Kein Staat ist frei, als der sich liebt; das--Maß der Vaterlandliebe ist das Maß der Frei-"heik. Was ist denn nun diese Freiheit! Die Ge-schichte ist der I-rr lUorne-Platz *, wo jeder die»todten Verwandten seines Herzens sucht: fragt"die großen Todten aus Sparta, Athen und Rom,»was Freiheit ist! Ihrü ewigen Festtage — ihre„Spiels — ihre ewigen Kriege — ihre steten»Opfer deL Vermögens und Lebens — ihre Ver-

* Ein vergitterter Play in Paris, wo man die in derNacht gefundenen Todten ausstellt, damit jeder Verwandteden scinigcn aussuche.

erus. 583

»achtung des Reichthums, des Handels und der„Handwerker können den kameralistischen Landes-„flor nicht zum Ziel der Freiheit machen. Aber»der konsequente Despot muß den sinnlichen Wohl-"stand seiner Neger-Pflanzung betreiben. Der„Drück und die Milde, die Ungerechtigkeit und die»Tugend eines Einzelnen machen so wenig den»Unterschied zwischen sklavischer und freier Regier-»form aus, daß Rom eine Sklavin war unter den»Antoninen, und eine Freie unter dem Sulla* —„Nicht jeder Bund, sondern der Zweck des Bundes,"Nicht das Vereinigen unter gemeinschaftliche Ee-»jetze, sondern der Inhalt derselben geben der»Seele die Flügel des Patriotismus; denn sonst»wäre jede Hansa, jeder Handelsbund ein pptha-»gvrischer und zeugte Sparter. DaS, wofür der»Mensch Blut und Güter gibt, muß etwas Höheres»als beides sein; — eignes Leben und Vermögen„zu beschützen, hat der Gute nicht so viel Tapfer---keit als er hat, wenn er für fremdes kämpft; —»die Mutter wagt nichts für sich und alles für das"Kind — kurz nur für das Edlere in sich, für die»Tugend öffnet der Mensch seine Adern und opfert»seinen Geist; nur nennt der christliche Märtyrer»diese Tugend Glauben, der wilde Ehre, der"republikanische Freiheit. — Nehmt zehn Men--sschen, sperrt sie in zehn verschiedene Inseln: kei-»ner wird den andern (ich habe keine Weltbürger»genommen) wenn er ihm auf seinem Kahn begeg-net, lieben oder beschützen, sondern ihn blos wie»ein unschuldiges ungebildetes Thier unbeschädigt"vvrüberfahren lassen. Werft sie aber sämmtlich»auf Eine Insel **: so werden sie gegenseitige Be-dingungen des Beisammenlebens,des Unterstützens--U. s. w., d. h. Gesetze machen — jetzv haben sie»öftern Genuß und Gebrauch des Rechts, folglich»ihrer Persönlichkeit, die sie von bloßen Mitteln»unterscheidet, folglich ihrer Freiheit. Vorher auf»ihren zehn Inseln waren sie mehr ungebunden»als frei. Je mehr die Gegenstände ihrer Gesetze»sich veredeln, desto mehr sehen sie, daß das Gesetz»den innern Mensche» mehr angehe, als der Schutt-»haufen, den es beschirmt, das Recht mehr als das»Eigenthum, und daß der edle Mensch seine Güter,»seine Gerechtsame, sein Leben verfechte, nicht wegen»ihrer Wichtigkeit, sondern wegen seiner Würde.»— Ich will die Sache von einer andern Seite be-»schauen, um den Satz zu vertheidigen, womit ich»die Rede anfing. Wenn ein Volk seine Verfas-"snng hasset: so geht der Zweck seiner Verfassung,»d. h. seiner Vereinigung verloren. Liebe derBer-"fassung und Liebe für seine Mitbürger als Mitbür-ger ist eins. Ich hole so aus: wären alle Mon-»schen weise und gut, so wären sie alle ein-»ander ähnlich, folglich gewogen. Da das nicht»ist: so ersetzt die Natur diese Güte durch Aehnlich-"keiten der Triebe, Lurch Gemeinschaft deS Zwecks,»durch Bcisammenleben u. s. w. und hält durch diese»Bänder —der ehelichen, der Geschwister- und der

* Groß ist die Seele, die wie er unter lauter Fein-den aller Gewalt entsagt — größer ist das Volk, vor demmans thun durfte. Ein anderes wäre den Läusen Sullaszuvorgekommen.

** Wiktor nahm zu seinem Bunde zehn Personen, viel-leicht weil gerade so viele zu einem Tumulte gehören.Nommel rnpsocl. obsorvul. 66XXV.