Band 
I.
JPEG-Download
 

Hesperus

-,

589 >

strö münzen des Willens gleichen denen derFlüsse, die alle Brünne n eine Zeitlang ver-unreinigen; nehmet ihr aber die Flüsse weg, so sinddie Brunnen auch fort. —

Das Morgenroth deckte eine ferne Sonne nachder andern zu; und als endlich dienahe aufgegangenwar oder vielmehr die Natur: so konnte Viktor

— sehen und lesen und mein Werk (diebekanntenMumien) aus der Tasche ziehen. Ein Buchwar für ihn in der treibenden freien Natur eineGarte nscheere seiner üppig aufschießendenTräume und Freuden. Dieser mit einem ganzenFrühling prangende Morgen, dieses Schimmernauf allen Bachen, dieses Summen aus Blüten inBlüten, dieses hängende blaue Meer, worüberdie Sonne wie ein Bucentanro schiffte, um aufden Meergrund der Erde den Verniählungring zuwerfen, eine solche Gegenwart würde neben einersolchen Zukunft schon in der dritten Stunde ihmdie Kraft genommen haben, seiner neuen Staat-verfassung zufolge über seine Wonne zu regierenund immer soviel Ruhe zu bewabren als zurMitteltinte zwischen einem entzückten undeinem trüben Tage nöthig ist — ich sage, er würdedas nicht vermocht haben ohne seinen Lebensbe-schreiber, ich meine, wenn er nicht mein Buchvorgenommen hätte, in dessen zweitem Theile ernoch den Schulmeister Wuz zu lesen hatte. Aberdieses gelehrte Werk setzte — getrau' ich mir ohneEigendünkel zu schmeicheln — seiner Entzückungdie ordentlichen Gränzen. Denn so — indem erlesend ging — (wie ankere, z. B. Rousseau undich, lesend essen und bald aus dem Teller, baldaus dem Buche einen Bissen nebmen ) — indemer dem Leben des Schulmeisters so lange zuschalt-ete, bis ein neues Thal aufging oder ein neuesWäldchen — indem er bald diesem abgedrucktenKantor, bald einem lebenden zuhorchte, vor dessenPfingstliedern er vorbei ging: so konnte er seineIdeen bei allen ihren Rondos und Rösselsprüngenin einer solchen schönen Ballordnung und Kirchen-licht crbalten, daß er so glücklich war als der ge-lesene Wuz. Ick schrie ihm noch dazu in Einemfort aus meinen Mumien zu, gescheit zu sein undauf mein Schulmeisterlein als einen Flügelmannder Frcudenhandgriffe Acht zu geben und jedenTag, jede Stunde auszukernen. »Ich bin„ohnehin verdammt (sagt' er) wenn ichs nicht„thue: ist denn nicht, du guter Gott, schon das„Gefühl des Daseins ein stehendes Vergnügen,„und der erste süße Imbiß nach jedem Erwachen ?"

— Er dachte zwar daran, daß die Kultur unsBrillen gebe und dafür die Zungenwärzchen nehme,und uns die Freuden durch die besseren Defini-zionen derselben vergüte (so wie der Seidenwurmals Raupe Geschmack, aber keine Augen, undals Schmetterling Augen ohne jenen hat), er ge-stand sich zwar zu, er habe zu viel Verstand, umsoviel Vergnügen zu haben wie der AuenthalerSchulmann Wuz, und er philosophiere dazu zutief; aber er bestand auch darauf: »eins höbere„Weisheit müsse doch (weil sonst der Allweise der„Allunglückliche sein müßte) wieder aus dem„schwülen Hörsaalparterre den Weg in ein Blu-„menparterre finden. Hohe Menschen tragen wie„die Berge den süßesten Honig." .. .

Ob er gleich schon im letzten Dorfe, gleichsamder Vorstadt'von Maiemhal, ausläuten hörte: soerzürnte er sich doch nicht über die Verspätungdes Eintritt». Ja um sich selber zu zeigen, ersei der Philosoph Sokrates, schritt er mit Fleißträger fort und libierte nicht wie der Athener denFreudenbecher, sondern füllte ihn gar noch nicht.»Werde immer, (sagt' er zu einem aus Lilien-Samenstaub zusammengelaufenen Wölkchen) „vor»mir früher über die Guten geweht du Wol-»kensäule vor dem gelobten Land! — und dein»kleiner Schatten silhvuettiere ihnen den sestern,»der träger nachkömmt und den das Himmelblau»später einsaugt!" — Und eh' ihn der herumge-krümmte Fußsteig vor das mit Blumen behangueThor des Thals stellte, worin die geliebte Wiegeund Baumschule seiner schönen dreitägigen Zu- ;kunft stand: so hielt ihn noch eine zugeknöpfte !Distel auf, um deren versiegelte Honiggefäße ein !weißer Schmetterling seine dritte Parallele zog —und die musivischen Disteln auf Le Bauts Dieletraten vor ihm ins Leben und zeigten ihm dieStachelnder Vergangenheit; da fand er es jetztunbegreiflich, wie er seine Schmerzen ertragenkönnen, und leichter, den Freuoenhimmel zutragen.

Er zog Linds Uhr heraus, um die Geburtstundeseiner Honig - und Flitterzeit zu wissen — gerateum eilf Uhr trat er vor das nette Dorf, vor dasTreibhaus seines Himmels, vor die Pflanzsiadtseiner Hoffnung, vor Eden. . . . Ach daS säu-selnde in Lauben verwachsene Dörfchen schien alleseine blühenden Zweige als Arme um ihn zu legenund ihn an sich zu stricken; eS war grün undweiß und roth — nicht angestrichen, sondernüberlaubt und überblüht. Und als er unter demAusläuten — um sich die Umarmung seines Ema-nuels geizig aufzusparen, und tun den Maientha-lischen Kirchengesang mit einem von der Naturgeöffneten Herzen zu beschleichen — in das lange -saubere Dörfchen stahl und den Freundschaftzvllauf eine Minute bei Emanuels Hause umfuhr: sowar ihm, als wenn sein stillfrohes Herz sich inden stillen Gaffen mit den Vögeln auf den dieFensterscheiben vergitternden Kirschenzweigenwiegte und mit den Bienen in den Kirschenblü-ten schwankte. „Komm nur herein (schien alleszu sagen), du guter Mensch, wir sind alle glück-lich und du sollst es auch werden." — Er trat andie blanke Kirche, deren blendende Uebertünchungdem Himmelblau durch den Abstich ein erhabenesDunkel zuwarf, und sein pochendes Herz zitterteglücklich mit der wogenden Orgel darin und mitder vor dem Kirchthor raschelnden eingerammtenBirke und mit dem trocknen vom Morgenwindgebeugten Maienbaum mitten im Dorfe. . . .

»Aber, sagt mein Leser, konnte denn sein Augeso lange die schönern Prospekte und sein Herz diegeliebtere Schönheit cntrathen und statt der Abteinur die Kirche aufsuchen?" — O er sah zu aller-erst nach jener, und sein Auge lief zitternd umalle Fenster seines Svnnentempels; aber da erdaran alle offen und leer, und alle Vorhänge auf-gezogen antraf: so vermuthete er, daß die schönenKvnklavistinne» desselben und darunter die Konkla-visiin seiner Brust da wären, wo er sie suchte —