Hesperus.
597
ander so liebten wie zwei Liebende, wenn die Be-wegungen aller Seelen wie bei diesen, geb und» eNoten wären, wenn die Natur uns allen zugleichden Nachklang ihres bis über die Sterne reichen-den SaitenbezugeS ablockte, anstatt daß sie nurein liebendes Paar wie ein Doppelklavier bewegt— dann würden wir sehen, daß ein Menschenherzvoll Liebe ein unermeßliches Eden einschlösse, unddaß die Gottheit selber eineWelt erschuf, um einezu lieben. —
Aber ich will wieder so schreiben wie Klvtildesprach, die den dichterischen Geist nur durch Tha-ten, nicht durch Worte offenbarte, gleich Schau-spielern, die den Reim und das Silbeumaß ihresDichters im Sprechen zu umgehen wissen.
Das Dorf oder das Wirthshaus vielmehr gabihrer Himmelleiter eine vierte Sprosse, denvierten Pfingsitag. — Der Engländer Kalo derältere fuhr heraus, der aus Kussewiz mit einemwandernden Orchester Präger Virtuosen von sei-ner Gesellschaft weggelaufen war, um das Maien-thal auch zu sehen. Er konnte nie in seinem Le-ben auf etwas warten. Er sagte zu Viktor,morgen komm' er zu ihm, beute beschau' er dieb säeten Prospekte und er passe mit der Ouvertüreder Präger nur auf das Ausläuten der Vesperpre-digt. Endlich sagt' er ihm, daß Flamin und Mat-thisu übermorgen »erreichten lind wieder zurück-gingen nach Kussewiz, und folglich da längerverweilten als sie gewollt. Diese Gegenwart desEngländers und die spätere Zurückkehr des Eifer-süchtigen machte auf einmal den letzten Willen inViktor fest, auch den vierten Pfingsitag als dievierte Saite auf dieses Frenden-Tetrachord aufzu-ziehen. Und da an diesem vierten Tags geradedas durch alleHeftlein dieses Buchs laufende Räth-sel mit dem Engel in die Entzifferkanzlei der Zeitgetragen wird, weil Julius den Brief desselbenKlotilden zum Vorlesen übergibt: so konnt' ersich weiß machen, er bliebe blos deshalb, und zusich sagen: »WunderShalber sollte mans doch--abwarten, was es mit dem Engel für eine--Vewanttniß habe/' —Guter Held! du vermengstjeden Engel mit deinem und ich wüßte nicht,warum nicht! . . .
Jetzo lief ein Wvlkenschatten über sie, gleichsamals Vorläufer eines dunkler», der ihre Seelensuchte. Denn Viktor, der vor einem schönen Her-ze» niemals seines versperren konnte, der in derHeiligung der Liebe alle Verstellung verschmähte,erzählte Klvtilden mit jener Herzlichkeit, die sichso leicht mit Feinheit vermählen läßt, die Ursachenvon Makthien's Reise, nämlich seine eigne kleineThorheit in Kussewiz, wo er der Fürstin das ge-schriebene Littet «toux mitgab. Er hätt' ihr auchohne das diese Eröffnung machen müssen, um derfremden eines Anklägers vorzubauen. Aber ersetzte bei Klvtilden voreilig die Zeitrechnung seinerkleinen Jahrbücher voraus, und merkte nicht an,daß er das Billet geschrieben, eh' er wußte, daßKlvtilde nicht Flamins Geliebte, sondern nurdessen Schwester sei *. Sie schwieg lange. Er
^ Denn erst als er von Kussewiz zurück kam, erfuhrer auf der Insel von seinem Vater die VerwandtschaftÄlotildcns.
befürchtete diese Pantomime des Zürnens, undwagt' es nicht, sich davon zu überzeugen durch einenBlick in ihr Angesicht. Endlich bat sie ihn, unihrem Lieblingsgrünplatz, wo in der größten Ver-tiefung des Thals grüner Schatten seine gemaltenZweige im Sonnen und Wasserscheine wiegt, dabat sie ihn weder mit kalter noch stolzer Stimme,sonder» mit einer fast gerührten, sie ein wenigauf ihrer Lieblingsgrasbank, deren Seitenlehnengroße Blumen waren, ausruhen zu lassen. Alser vor ihr stand, so erblickte er erschrocken in ihrembeseelten Angesicht — nicht einen mit der Höflich-keit ringenden Groll, sondern den rührendenKampf gegen das Schicksal, das ihr den Lieblingihrer Seele verdunkelte, den uneigennützigenSchmerz über die geschlossene Narbe, die sie ausseiner Tugend wegwünschte.' Ihr war, ihm war,als wenn das vorige Jahr sich wieder erhöbe vonseinem Tvdtenkiffen aus Freudenblumen, die esbeicen ertreten hakte; sie waren recht traurig,Klvtilde war kaum ihrer Augen mächtig und Vik-tor kaum seiner Zunge — bis diesem endlich dasMißverständniß einleuchtete. Er sagte ihr daherleise und auf englisch: --hätte sein Vater ihm alle-. seine Eröffnungen früher gemacht, so hätt' er ihm»mehr als einen Kampf, mehr als eine trübe,-Stunde und zuerst die vorige Thorheit erspart."
In der höhern Liebe ist der Zorn nur Trauerüber den Gegenstand. Klotilde sehte gleichwohldie Sonnensinsterniß ihrer schönen Mienen fort
— aber es kam nicht von Fortdauer des vorigenSeufzers, noch von dem gewöhnlichen Unvermögen,eine ausgesöhnte Seele sogleich in ein zürnendesGesicht zu übertragen, sonder» die Unzufrieden-heit mit ihrer eignen Voreiligkeit sah allemal wieeine mit einer fremden aus. Daher stand sie auf,um ihm ihren Arm und gleichsam das nahe lie-gende Herz wieder zu geben. Viktor erlaubtesich den Bruch des dvppelstimmigen Schweigensnicht. — Emanuel kam nach, und da sagte Klvtildebewegt, als wenn sie erst aufs Vorige antwortete:--ach ich bin meinem Bruder nur zu sehr verwandt--von der Seite meiner Fehler." — Mrinte sieFlamins Eifersucht oder Argwohn, oder wahr-scheinlicher sein Temperament? — Viktor wandte
.sich zu ihr, um sie gleichsam für das um Verzei-hung zu bitten , was sie gesagt — n»d ihre Au-gen sagten: --ich hätte dich nicht verkennen sollen"
— und seine sagten: --ich hätte dich, auch unge-kannt, nie verleugnen sollen" — und ihre Herzenmachten Friedej und der Oelzweig wand zwischenden alte» Blumen der Freude ihre Seelen an ein-ander.
Enianuel führte sie, als ihr leitendes Gestirn,auf seine lieben Berge, diese Fro,»logen der Erde
— nur von seinem Berg mit der Trauerbirkewehrte er sie aus unbekannten Gründen freundlichab — ; und sein leichtes Aufsteigen gab ihnen dieFreude über die Genesung seines Athems. End-lich kamen sie auf den Thron der Gegend, auf denBerg, wo Viktor am Morgen nach der durch-reisten Nacht über Maienthal geschauet hatte.O wie zog sich die lebendige Ebene Gottes, derVorgrund einer Sonne und eines Edens, in sounbändigen, grünenden, athmenden, wehenden
l Massen dahin l Wie hing der Himmel voll Berge