Hesperus
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--Todte hat ihn geschrieben, lies nur!" — Erlas:
Klotilde!
„Ich hülle meine erröthenden Wangen in denLeichenschleier. Mein Geheimniß ruht in meinemHerzen verborgen und wird mit ihm unter denLeichenstein gelegt. Aber nach einem Jahre wirdes aus dem zerfallenen Herzen dringen — o dannbleib' es ewig in deinem, Klotilde! — und ewigin deinem, Julius! — Julius, war nicht oft eineschweigende Gestalt um dich, die sich deinen Engelnannte? Legte sie nicht einmal, als die Todten-glocke ein blühendes Mädchen einläutete, eineweiße Hyazinthe dir in die Hand und sagte: En-gel pflücken solche weiße Blumen? Nahm nichteinmal eine stumme Gestalt deine Hand undtrocknete sich damit ihre Thränen ab und konnt'es nicht sagen, warum sie weine? Sagte nichteinmal'eine leise Stimme: lebe wohl, ich werdedir nicht mehr erscheinen, ich gehe in den Himmelzurück? Diese Gestalt war ich, o Julius; dennich habe dich geliebt und bis in den Tod. Siehe!hier sieh' ich am Ufer der zweiten Welt, aber ichschaue nicht hinüber in ihre unendlichen Gefilde,sondern ich kehre mein Angesicht noch sinkend nachdir zurück, nach dir, und mein Auge bricht an dei-nem Bilde. — Jetzo hab' ich dir alles gesagt. —Nun komm, stillender Tod, drücke langsam dieweiße Hyazinthe nieder und theile bald das Herzaus einander, damit Julius darin die verschlosseneLiebe sehe. — Ach wirst du eine Todte in deineSeele nehmen? Wirst du weinen, wenn du die-ses lesen hörest? Ach wenn mein zugedeckter,eingesunkner Staub dich nicht mehr berührenkann, wird mein entfernter Geist von deinem ge-liebt werden? — Aber ich beschwöre dich, o Un-vergeßlicher, geh' an dem Tage, wo dir diesesThränenblatt vorgelesen wird, da gehe, wenn dieSonne untergeht, hinauf zu meinem Grabe undbringe dem bleichen Angesicht darunter, das deralte Hügel lchvn entzwei drückt, und dem zerron-nenen Herzen, das für nichts mehr schlagen kann,da bringe der Armen, die dich so sehr abliebt unddie deinetwegen sich unter die Erde gehüllet, deinTodtenopfer — bring' ihr auf deiner Flöte dieTone meines geliebten Liedes: das Grab ist tiefund stille. — Sing es leise nach, Klotilde, und be-such' mich auch. — Ach arme Giulia, richte deineSeele auf und erliege jetzt nicht, da du deinenJulius dir an deinem Grabe denkest! — Wenndu da das Todtenopfer bringst, so wird zwar meinGeist schon höher stehen; ich werde ein Jahr jen-seits der Erde gelebt haben, ich werde die Erdeschon vergessen haben — aber doch, aber o Gott,wenn du die Töne über meinem Grabe ins Ely-sium dringen ließest, dann würd ich niedersinkenund heiße Thränen vergießen und die Arme aus-breiten und rufen: ja! hier in der Ewigkeit lieb'ich ihn noch — es geh' ihm wohl auf der Erde,sein weiches Herz ruhe weich und lange auf demLeben drunten. — Nein, nicht lange! Kommherauf, Sterblicher, zu den Unsterblichen, damitdein Auge genese und die Freundin erblicke, diefür dich gestorben ist! Giuli a."
„Ich will gehen — sagte Julius stockend, aber„mit Zuckungen im Gesicht — wenn auch die„Sonne nicht hinab ist: Mein Vater soll mich„bis zum Untergänge trösten, damit mein Herz„nicht so heftig an die Brust anschlägt, wenn ich„am Grabe stehe und das Todtenopfer bringe." —— Laß mich nichts sagen, Leser, von der Beklem-mung, womit ich weiter gehe, — noch von dieserzu weichen Giulia, die wie eine Morgensvnnen-uhr, vor dem Mittage im Schattten und Kühlenwar, die wie eine Taube die Flügel dem Regenund Weinen aus einander faltete — noch von ih-ren Seelen - Schwestern, die im zweiten Lebens -Jahrzehend das Gerippe des Todes ganz mit Blu-men überhängen, daß sie seine Glieder nicht sehenkönnen, und die ihren weißen Arm blos auf einenMyrtenzweig der Liebe stützen wie auf einen Ader-laßstock und ruhig dem Verbluten seiner zerschnit-tenen Adern zuschauen! —
Ich hätte nicht einmal dieses gesagt, wenn nichtViktor eS gedacht hätte, dessen Herz ein unend-licher Gram und eine unendliche Liebe tvdtlich auseinander zogen; denn ach wie weit war nicht seineunersetzliche Klvtilde schon auf dem Wege, ihrerFreundin nachzukommen und das ungeliebte Herzin der Erde zu verbergen, wie man im FrösteNelken niederlegt?
Die Sonne stieg tiefer — der Mond stieg höher—Viktor sah Klvtilden wie eine Heilige, wie einenätherisch verkörperten Engel in einer gegen Abendgeöffneten Nische ruhe» — Las kleine gestern ge-nannte Mädchen spielte auf ihrem Schooß miteiner neuen Puppe — ihm war als seh' er sie genHimmel schweben — und als sie ihre großen Äu-genlieder ans den Thränen für die geschiedne Freun-din, deren Geheimniß sie längst errathen und ver-borgen hatte, gegen den aufhob, der sie heutedurch seinen Abschied vermehrte: und als sie auchsein Angesicht in Rührung zerschmolzen sah: so er-drückten die gleichen Trauergcdanken in beidensogar die ersten Laute des Empfangs und beidewandten ihr Gesicht ab, weil sie über die Tren-nung weinten.-„Haben Sie (sagte Klotilde,
wenigstens mit einer gefaßten Stimme) eben mit„Julius gesprochen?„ — Viktor antwortete nickt,aber seine Augen sagten Ja, indem sie blos hef-tiger strömten und sie unverwandt anschaueten.Sie schlug sie tief nieder, mit einem kleinenErröthen für Giulia. Das kleine Kind hielt dieüber die großen Tropfen Herüberfallenden Augcn-lieder für schläfrig und zog der Puppe das schmalemit Heu gepolsterte Kopfkissen weg, breitete esKlotilden hin, und sagte unjchuldig: „da leg' dich„draufund schlaf'ein!" Es schauerte ihren Freund,da sie antwortete: „Heute nicht, Liebe, aus Kiffen„mit Heu schlafen nur die Todten." Es fchauerieihn, da er auf ihrem bewegten Herzen eine schnee-weiße Federnelke, in deren Mitte ein großerdunkelrother Punkt wie ein blutiger Tropfen isterzittern sah. Die fürchterliche Nelke schien ihmdie Lilie zu sein, die der Aberglaube sonst im Chor-stuhle des Priesters antraf, dessen Sterben pro-phezeiet werden sollte.
Sie heftete schmerzlich ihren Blick auf die tiefeSonne und den Gottesacker, hinter dem diese inden Maitagen wie ein Mensch unterging.