Band 
I.
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Hesperus.

ihr der nährende Lebensgeist abgeschnitten ist;denn die Nerven brauchen wie alle feinere Orga-nisazioneü so sehr fortdauernden Kostzuguß,daß der stockende Herz - uud Arterienschlag in Ei-ner Minute alle ihre Kräfte aufhebt.

Ich gehe weiter und sage — um zwei Jrrthü-niern zu widersprechen — vorher heraus: dieseOrgane empfinden nicht, sondern werden empfun-den ; zweitens die Organe sind nicht die Bedin-gung aller Empfindung überhaupt, sondern nureiner gewissen.

Das letzte zuerst: da das Organ (d. h. seineVeränderung) das so gut ein Körper ist als ir-gend ein grober Gegenstand, dessen seine jenes an! die Seele legt, dennoch von dem geistigen Wesenunmittelbar und ohne ein zweites Organempfunden wird: so müssen alle körperliche We-sen dem geistigen so gut Empfindungen geben alsdie Nerven, und eine unverkörxerte Seele ist nurdarum nicht möglich, weil sie im Falle des abgelö-seten Körpers alsdann das ganze materielle Univer-sum als einen plumpern trüge.

Meine erste Behauptung war: man sollte nichtsagen, empfindende Organisazion, sondernempfundene. Die Nerven empfinden nichtden Gegenstand, sondern verändern nur den Ortwo er empfunden wird, und ihre Veränderungenund die des Gehirn sind nur .Gegenständedes Empfindens, nicht Werkzeuge desselbenoder gar es selber. Aber warum? —

Ich habe mehr als ein Darum. Ein Körper istnur der Bewegung fähig, ob sie gleich freilich nurder Schein der gedachten Zusammensetzung unddas Resultat der in einfache Theile verhülltenKräfte ist. Die Saite, die Luft, die Gehörknö-chelchen, die Gehörnerven erzittern; aber dieErzitterung der letzten erklärt so wenig das Em-vfinden eines Tons als das Erzittern der Saitees könnte, wenn die Seele an diese gekettet wäre.So ist trotz aller Bilder im Auge und Gehirndas Ersehen derselben doch noch ungetha» undunerklärt; oder ist wohl darum, weil die SinneSpiegel voll Bilder sind, etwan das geistigeAuge entbcrhlich oder ersetzt? Und setzt die Ver-änderung des Nervens nicht eine zweite in einemzweiten Wesen voraus, wenn sie soll bemerkt wer-den? Oder stellt sich in diesem Wesen wieder eineBewegung die Bewegung vor?

Dieses bringt mich aufs Gehirn. Dieser größteund gröbste Nerve — der Resonanzboden al-ler andern — hält der Seele die Schattenrissederer Bilder vor, die von den andern zugeführtwurden. Im Ganzen, glaub' ich, dient das Gehirnmehr den Muskelnerven, den Glieder-Zügeln,die da in der Hand der Seele zusammenlaufen,und mehr allen überhaupt als nährende Wurzel;aber weniger dient es als Reißzeug der malendenSeele. Da unsere meisten Vorstellungen aufgrundierende Gesichtbildcr aufgetragen sind: sodenken wir wahrscheinlich mehr mit dem Sehner-ven als mit dem Gehirn. Warum bemerkte Bon-net, Laß tiefes Denken die Augen und scharfesSehen das Gehirn ermüde? Warum stumpfengewisse Ausschweifungen zugleich das Gedächtnißund die Augen ab? Die außerhalb des Augesgaukelnden Fieberbilder der kranken und der leb-'

haften Menschen wie Cardan, der im Dunkeln sahwas es feurig dachte, erklären sich aus meiner Ver-muthung.

Ueber das Gehirn hat man zwei Irrthümer;aber der Himmel bewahre meine Freunde nurvor dem einen. Denn vor dem andern kann sieReimarus bewahren, der recht erwiesen hat,daß das Gehirn keine Aeolsharfe mit zitterndenFibern, noch eine dunkle Kammer mit geschobtten! Bildern ist, noch eine Skielwelle mit Stiften fürjede Idee, die der Geist umdreht, um an sich seineIdeen ab-und vorzuorgeln. Ist nun nicht ein-mal die vorher bestimmte Harmonie des Ge-hirns und des Geistes oder das A kko mp agne-ment beider begreiflich, so ist die Identitätderselben gar unmöglich; und eben vor diesemIrrthum hat der oben gedachte Himmel meineFreunde zu bewahren. Der Materialist mußerstlich alles das aufstellen, was Reimarus umge-stoßen hat; er muß in: Gehirttbrei die MillionenBilderkabinetter von siebzig Jahren versteinernund doch wieder wie Eidophystka beweglich machenund die gemischten Karten-Bilder an jede Terzieaustheilen; er muß darauf sehen, daß Liese be-seelten tanzenden Bilder in Reih und Glied ge-zwungen werden. Und dann geht doch seine Notherst recht an; denn nun muß er — wenn wir ihmauch zugeben, daß die Bilder sich selber sehen, dieGedanken sich selber denken, daß jede Vorstellungalle andere und sogar das Ick, wie eine Monadedas All, dunkel nachspiegle, und daß sonach jedeIdee eine ganze Seele sei — nun muß er (sagenwir) erst einen Generalissimus herschaffen, derdieses unermeßliche flüchtige Jdeenheer komman-diere und stelle, einen Setzer, der das Ideen-Buchnach einem unbekannten Manuskripte setze undwenn Träume, Fieber, Leidenschaften alle Schrift-kästen in einander geschüttet haben, alle Buchsta-ben wieder alphabetisch lege. Diese regelnde Ein-heit und Kraft — ohne welche die Symme-trie des Mikrokosmus so wenig wiedes M a k ro k v s m u s, der vorgestelltenWelt so wenig wie der wirklichen zuerklären sieht — nennen wir eben eine» Geist.Freilich ist durch Liese unbekannte Kraft wederdie Entstehung noch die Folge der Ideen vermit-telt und erklärt; aber bei der bekannten derMaterie, bei der Bewegkrast, ists nicht blos un-begreiflich sondern gar unmöglich; und Leibnitzkann leichter die Bewegungen aus dunklen Vor-stellungen erkläre» als der Materialist Vorstel-lungen aus Bewegungen. Dort ist die Be-wegung nur Sckein und existiert nur im zwei-ten betrachtenden Wesen, aber hier wäre dieVorstellung Schein und existierte im zweiten —vorstellenden Wesen.

Ich habe oft mit Weltleuten, die gut beobachtenund elend schließen, mich gezankt, weil sie bei derkleinsten Abhängigkeit der Seele vom Körper —z. B. im Alter, Trunke :c. — die eine zum bloßenRepetierwerk des andern machten; ja ich habe so-gar gesagt, kein Tanzmeister sei so dumm, daß erso schlösse: »weil ich in bleiernen Schuhen plump,«in hölzernen flinker, und in seidnen am besten--tanze: so seh'ich wohl, daß die Schuhe mich mit be-"sondern Springfrdern aufschnellen; und da ich