Band 
I.
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Hesp

vorher hatte. Liebe. Rausch, und zuweilen dieaus dem Anblick der Natur getrunkne Begeiste-rung machen uns gegen unsere Lieblinge zu gut,und gegen unsere Gegenfüßler zu hart. Als nunViktor in Vieler bittern Laune neben einem Spiel-tisch zusah und über die ganze Assemblee sich inner-liche Vorlesungen hielt, loetuios »pon desüs *,wo er sich statt der Köpfe aus Pappendeckel blosmit dickern behalf: so fiel durch die Erinnerungan die stille Menschenduldung, womit Klorilde sichin eben diese Menschen ihren Eltern zu Liebe be-quemet hatte, der ganze EiSpanzer, der sich umsein Herz wie um eine Blume gelegt hatte, zer-flossen herab, und sein erwärmtes Herz sagte mitder ersten heutigen Freude: "Warum Hass ich denn-.Liese eben so gequälten als quälenden Gestalten"so hart? Sind sie nur meinetwegen? Haben sie»nicht auch ihr Ich? Müssen sie sich mit diesem»mangelhaften, gepeinigten Selbst nicht durch die»ganze Ewigkeit schleppen? Wird nicht jeder von»irgend einer fremden Seele noch geliebt? Warum»willst den» du nur Stoff zum Abscheu an ihnen»sehen und aus jeder Miene, aus jedem Laute»Säure ziehen? —Nein, ich will die Men-„schen blos lieben, weil sie Menschen»si n d. " — Ja wohl! die Freundschaft kann Vor-züge begehren, aber die Menschenliebe blos Men-schengestalt. Daher haben wir eben alle eine sokalte, eine so wechselnde Menschenliebe, weil wirden Werth der Menschen mit ihrem Recht ver-mengen und nichts an ihnen lieben wollen, alsTugenden.

Unserm Viktor wurde so leicht wie nach einemGewitter; das Bitterste, womit uns Beleidigun-gen angreifen, ist, daß sie uns zu Haffen nöthige».Auf der andern Seite fühlte er jetzo, wie unreinunser für Tugend ausgegebener Widerstand gegenSchlimme sei und wie sauer es selber einer edelnSeele werde, Feinde zu bekämpfen, ohne sie anzu-feinden ; denn dieses ist noch schwerer, als sie zubeglücken und zu beschützen, ohne sie zu lieben.

So strichen einige Wochen unter seinen erzwung-neu Landungen am feindlichen Hofe vorüber —denn die Bitte seines Vaters beherrschte sein Herz— und unter vergeblichen Hoffnungen auf Klotil-dens Entscheidung und unter thränendem Zurück-sehnen in die innehaltenden Tage der Liebe undin die verheerten Tage der Freundschaft.Klotildens Schweigen willigte aber eben in seineAnkunft ein; doch meldete er ihr Lurch einen zwei-ten Brief noch zum Ueberfluß den Tag derselben.Uebrigens wurde ihm — so an den Thron wie aneine Säule zum Geißeln gebunden, so aus allenGegenständen seiner Liebe herausgeschleudert, soauf nichts geheftet als auf eine von weitem don-nernde Zukunft, in der sein Emanuel nach i» Ta-gen unter die Erde einsinkt und seine Klotilde intausend Schmerzen — die Gegenwart schwül undeng. Um ihn ging ein unreifes Gewitter herum,und wie an den Tag- und Nachtgleichen, ruhtendie Wolken unbeweglich wie ein großer Nebelüber ihm, und das verborgne Arbeiten im hohen

* So nannte Stecvcns sein satirisches Kollegicnlcscnüber Köpfe aus Pappendeckel, dem halb London zu-lief.

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Gewölks des Schicksals hatte »och nicht Las Zu-sammenfließen in Thränen entschieden oder dasZertheilen in Blau.

Endlich ging er nach St. Linie. . . Wahrlichnur wehmüthig - beglückt! O ! könnt' er auf denLüuer Fußsteig blicken oder auf das Pfarrhaus,das die Bühnen der begrabnen Freundschaft be-deckte, ohne das Auge überfließend abzuwenden,ohne daran zu Lenken, wie viel eitler das Liebenals das Leben der Menschen sei, wie das Schickjalgerade die wärmsten Herzen zur Zerstörung derbesten anwende (so wie man nur Breunsx iegelzum Einäschern der Edelsteine gebraucht), undwie manche stille Brust nichts ist, als der gesunkneSarg eines erblaßten geliebten Bildes? — Es istein namenloses Gefühl, einen Freund lieben zuwollen auS Erinnerung und ihn fliehen zu müssenaus Ehre: Viktor wünschte, er dürfte seinembelhörten Liebling vergeben; aber vergeblich: dasarsenikalische Wort, das mich in seinem Namenschmerzt, blieb trotz aller, aller versüßenden Säfte,mit denen ers einwickelte, doch nnaufgelöset undfressend und tödtlich in seiner Seele liegen. Gu-ter Flamin! ein Fremder könnte dich lieben, ichz. B., aber dein Jugendfreund nicht mehr!

Viktor schritt zögernd vor dem Bilder- undMusikstück seiner nachgespielten und nachgetöutenKindheit vorbei, vor dem Pfarrhaus, desgleichenvor der scheuernden Apvllonia, die er gern tiefergrüßte als sein Stand zuließ, und vor dem altenMops, der sich in keinen Familienzwist einmengte,sonder» ihn freimüthig mit dem Schwanz invi-tierte. — Nicht sein Stolz hielt ihn ab, die (vor-geblichen) Eltern seines Widersachers zu besuchen,sondern die Aengstlichkeit thats, die ihn besorgenließ, die guten Mensche» würden sich vielleicht vorihm im verlegenen Kampfe zwischen Höflichkeit,zwischen alter Liebe und neuem Groll abquälen.Aber er beschloß, durch einen Brief an dieedelmü-thige Pfarrfrau seine Liebe zu befriedigen und ihreEmpfindlichkeit.

Dann trat er vor seine Geliebte! — Ich hab' esvor-vvrgestern unter dem Lesen der deutsch-fran-zösischen Geschichte, wo bekanntlich auch der ge-krönte Name Klotilde regiert, an den verdoppel-ten Schlägen meines Herzens gemerkt, wie mirerst sein würde, wenn ich diese Klotilde, die ichseit drei Vierteljahren gelobt habe, vollends garsähe; denn daß Knef so wie der Hund keineSpitzbuben sink, und daß die ganze Historie nichtblos vorgefallen ist, sondern auch noch vorfällt, er-ssh' ich aus hundert Zügen, die wohl keine Phan-tasie erfinden kann. Würde der Biograph derHeldin ansichtig: dann entstände nichts als einneues Heft und ein neuer — Held, welcher ichwäre....

Sie war krank; jener Abend war wie ein Stoß-vogel auf ihr Herz gefahren und hatte die bluti-gen Krallen noch nicht herausgezogen. Ihre Seeleschien nur der Engel zu sein der die entseelte Hülleeines Frommen hütet. Der Kammerherr begeg-nete dem Hofmedikus, als ob er von keinem Du-ellieren wisse. Was sonst Mütter thun, that derVater; er vergab jedem, der von Stande war undder die Tochter wollte. Der Antrag, den ihm Viktorendlich machte, frappierte ihn nur, weil er bisher

Jean Paui's Werke. I.

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