Band 
IV.
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Dämmerungen.

Glauben nöthig, sagt dieselbe Kirche (*). Leibnitzglaubte mit Theologen, die Heiden wären seliggeworden durch einen schnellen Glauben mittenim Sterben. Jetzt können die Deutschen werden,entweder was sie fürchten oder was sie hoffen ; ichhoffe aber, sie hoffen, nämlich sie glauben; und banngehe ihnen statt des Regengestirns der Glücksternauf. Daher ists Sünde gegen Deutschland, bloßeWunden abzubilden ohne die Wundkräuter da-bei.

Es ist leichter, aus dem Fluge des Adlers alsden Flug des Adlers zu weissagen ; die jetzigen Wap-pen-Adler sind Propheten und Erfüllet zugleich;indeß mag sich die Weissagung unter der Gestalteiner bloßen Möglichkeit geben. Nämlich der jetzigeKrieggvlt Eurvpens wird (sagt die Prophezei-ung ), wenn er seinen Panzer und Helm einemlangen Frieden abgeliehen, seinem auf Waffengebauten Reiche wahrscheinlich »öch eine tiefere undbreitere Unterlage unterbauen, weil er die Ge-schichte und die Alten kennt, welche ihren Reichennur auf der ganzen sittlichen Natur deS Men-schen den feste» Grund verliehen. Sö wenig alsFurcht, so reicht Soldaten-Ehre allein, am we-nigsten im Frieden, zum rechten Einwurzeln undFruchttragen eines Staates zu. Krieg. Ehrewird entweder von einem Heerführer entzündet,dessen hohes Unsterblichkeit-Bild schon bei Lebzei-ten aus der Nachwelt herglänzt für die Mitwelt;— und dann lebt ei» Staat so lange als seinDiel-Mensch — oder dem Volke selber stirbt aufden, Wege der Erziehung und Bildung die Größedes entfliehenden Bildners zu. Den Franzosensind allerdings ähnliche Erbschaften nöthig, undihr Wiederhersteller hat ihnen manchen vom Zeit-geist fein durchgeführten Tempelraub nach Vermö- igen wieder zu erstatten. Z. B. sie opfern gernsich der Ehre, und gern anders der Lust. Viel-leicht zwar, daß ihr jetziges langes Bereitstellenfür den Opferaltar des Krieges in den Zwischen- ^räumen des Genusses ihren ausgebildeten ge.schärften Egoismus stärker reizt und zeigt; aber swenn man bedenkt, baß Napoleon leichter alle ^Häfen sperrt als die Mägen der Leser des LImu-nael» cke» Kounmsncks, denen wie den Zvoxhytender Darmkanal das Herz erstattet, und daß mansogar sein Beispiel jeder sinnlichen Enthaltungso selten, und doch das seiner Thätigkeit so oftnachahmt: so liegen die Wurzeln des egoistischenGiftbaums sehr tief, und Napoleon hat neue ^mächtige Wurzelheber vonnöthen, um sie auszu-ziehen; aber ein Evangelium wär' es, eben wenndie Ablaktieruug Deutschlands und Frankreichsfranzösische Ehrliebe und deutsche Gutmüthigkeilmehr gegen einander auswechselte, ja und diesso sehr, daß geistig entstände, was einmal geo-graphisch unter Karl dem Großen gegolten, wel-cher Deutschland als den wichtigern Theil Galliensannahm und festsetzte.

Das Kriegfeuer hat (evangelistisch zu reden)gewiß etwas besseres entzündet als Häuser, näm-lich Herzen für Deutschland. Jetzt hat sich Va-terlandliebe und Deutschlandliede durch einerleiLeiten mehr zu Einer Liebe eingeschmolzen. eine

(') vecret. I>. III, »ist. 6. XLIX

Ausbeute, wie die des durch einen Brand ausmehren Metallen ausgeschiednen korinthischenErzes. Es finden deutscher Norden und deut-scher Süden — bisher so widerspenstig einandereingewachsen zu Einem Reichskörper, als zuweilenZwillinge am Rückgrats zu Einem Leibs — undferner die deutschen Zwischenstaaten finden sicheinander jetzt verwandter, zusammentreffend aufdemselben Dornensteig von Leiden, und auf derWelt- und Rennbahn ähnlicher Selbst-Verbesse-rung. Ein herrlicher Auferstehunggeist arbeitetund glüht jetzt ün vorigen Neichs-Kirchhof undbeseelt Scheintodte und beleibt Gerippe. EinerleiZiel löscht den Unterschied unter deutschen Staa-ten immer mehr aus. Deutschland, überhauptmehr Idee als Land, sonderte und knüpfte sichbisher weniger durch klimatische Aehn ichkeitenund Unähnlichkeiten als durch Ideen. So schieddie Idee sonst Preußen von Oestreich; so knüpftesie Sachsen an jenes, so die verschiedensten fremd-sprechendsten Völker an dieses. Der Unterschiedder Völker von Einer Mundart unter demselbenZepter des westfälischen Königs ist zehnmal klei-ner, als der unter dem östreichischen, und destofroher sieht man der Aussöhnung der Deutschenmit Deutschen entgegen. Eben so werden durch eineschönere Gemeinschaft als die der Leiden, und an-statt durch Schiffziehen oder Schiffpumpen desStaatschiffes, vielmehr Lurch frohes Fahren inl demselben nach Gewinn auskaufenden Bucentauro^ die sonst getrennten Völkerschaften immer mehr^ unter wenigen Zeptern und — Federn sich einan-! der befreunden. — Und hier haben wir dem großenGewichte noch ein größtes nachzulegen, nämlichdeulschen Völkern deutsche Fürsien. Zwar wares bei Vätern des Vaterlandes sonst nicht derFall, wie bei andern Väleru, welche noch mehrihre Kinder lieben, als diese sie; da vielmehr dieLandeskiuder ihren Fürsten, den Bekannten undEinzelnen und Höheren heißer lieben müssen, alsdiezer die Unbekannten, Vielen Und Niedern.Aber wie heilig muß jetzt einem Fürsten der Bo-den sein, auf welchem der Baum seines Stammesweithin wurzelt, indeß die kleine Pflanze nurkleine Schollen braucht ! Wie sehr muß er eineVerwandten - Mäste lieben, deren Zögling, Stell-vertreter und Heiland er in Einer Person ist!Die Vaterlandliebe des Bürgers trägt oft nurtaube Blüten, die des Fürsten immer Früchte;jener opfert und kämpft oft nur einsam und ohneLohn, dieser immer in Gesellschaft, und für Sie-gesbvgen. Dachten beutscheFürsten jemals deutsch:so müssen sie es jetzo noch mehr thun. Deutschelieben so sehr ihre Fürsten; ists denn also für ei-nen von diesen so schwer, Millionen liebendeHerzen mit einem einzige» zurück zu lieben?

Man drohte der Erde schon oft Universalmonar-chisen. Obgleich in unsern Jahrhunderten schwer-lich eine andere als die des Rechts und der Ver-nunft (') sich errichten wird, nicht aber eine über! beide Erdhälflen schlagfertig - hängende Wetter-j wölke: so möchte man Loch, wenn es einmal

! (*) Montesquieu (Esprit äes Iw!s I,. IX. tlli. V!'

l VII.), preiset Frankreichs Glück, daß es unter Louis XIV.> keine Universalmonarchie geworden.