Herbst-Blumine. 69
Ma» werfe doch nicht ein, daß an Höfen diemoralischen Stufen höher und weiter sind— denn man springt — und die steinernenTreppe» kleiner und gemächlicher, als in Stadtund Land: sondern man frage lieber, war-um ?'
Denn ich möchte doch wissen, ob glücklich sei»durch Leidenschaften etwas anders heiße, als sichwärmen durch ei» Brennglas?
Bester Zollverifex, ich bin mir nicht klargenug; i» usunr velpkini und Luvn «tu vou-pkin geht wechselseitig, und wer bestimmtdie Gränzen? aber das ist nicht, was ich sagenwollte.
Sondern viele Menschen — dies mein' ich —legen (denn ich rede von Buchschreibern) ihreGedanken so wechselnd umgekehrt durcheinander,als gewöhnlich die Buchhändler die Bogenlagenderselbe», wovon ich Beispiele gekauft.
O, wollte man nur schalkhaft sein in heutigerWelt! Ich denke, einer und der andere könnt' eS.Denn mehre Herren von der Armee, gute Gene-ralissimi, zu bekannt mit weiblichen Generalissi-miS, haben nachher, als sie heiratheten — vielleichtvorher — nichts sagen können, :>ls mit Epami-nondas : unsere Siege (siemeinen über Weiber)sind statt unserer Kinder. Boshaft sind solcheMänner mehr, als ihre Einfälle.
Wenn aber — Lies setz' ich voraus — das Leben„ach den besten Physiologen nichts anderes ist,als ein Verbrennung-Prozeß: was ist denn dieHölle?
Wirklich das wahre ewige Leben; und dahergehen die Menschen am liebsten zu Gott, wenn sienichts weiter haben; und beten, um nicht zuweinen; so wie sie in die Kirchen, wenn mitBomben gefeuert wird, laufen, um gedeckt zusein. WaS sind dies aber für Menschen? Er-bärmlich-gewöhnliche, gerade solche, die man über-all findet, indeß andere nicht zu finden sind, weilsie fehle». Himmel, welche Hölle! — Aber po-tenziierle Thiere wollten Sie, lieber Oberzvll-Verificateur, schon im vorige» Jahre die meiste»Menschen genannt wissen. Allein sagt' ich nichtein Jahr früher, es sei offenbar so, und was vieleihr Aeußeres und ihr Inneres nennen, seinur verschieden, wie der äußere Uhrhammer der-Glvcke und der innere Klöppel? denn von beidenwird sie nur durch Aufziehen von fremder Handgeschlagen.
Indeß ist eben nirgends die Luft so verdorben alsda, wo ihre Reinigkeit chemisch untersucht wird —von Strafpredigsrn und Chemikern.
Erbprinz hingegen? Welcher Prinz erbt dennnicht, und wird nicht geerbt?
woll nollv wiederhol' ich kurz, Verifikatsur.
Es gehen Sachen in der Welt vor, worüber einandere» Mal ein Mehreres.
Und doch sollte Jacob! an die nordische UranideHaman denken, damit dieses Polargestirn nichtendlich hinter der Gottesackermauer seiner Freundeverschwinde.
Ich sehe mich jetzt ordentlich traurig. Ach dasLeben ist so bittersüß, so gemischt aus dem Nichtsund dem All, — ein ewig einsenkendes undemporhebendes Erdbeben. — Sieht man keine
Gespenster: so trägt man sie doch schwer auf demRücken, bis man selber eines wird. —
Ich wollte, ich schliefe still und tief....—
So weit geb' ich den Springbrief; den» aufdem Papiere standen noch halb leserliche Trauer-worte, regellose Ausrufungen, Thränentropfen,weil mir im Traume vorgekommen war, derMann, an den ich im Wachen schreiben wollen,sei vergangen, was leider später wahr genug ge-worden. Plötzlich riß mir die wagrecht in dieLaubs eindringende Sonne das Augenlied empor,die Welk trat auf; — den, den ich für gestorbengehalten, sah ich traumtrunken als Sonne aufden rothen Gebirgen in Westen stehe»; undnoch als die Sonne dahinter versunken war,sah ich sein Bild wie einen Heiligenscheinauf den Bergen schweben, bis es sich allmälichin die weiten Nosenfelder des Abendroths ver-lor.
IX". 3.
Polymeter.
An eine «n der Sonne erblassendeRose.
Bleiche Rose, die Sonne gab dir die Farbe, dieglühende nimmt sie dir wieder; dn gleichest uns.Wenn der Gott, der die Menschenwange glühenläßt, näher und heißer zu uns herunterkömmt: soerblasset sie auch, und der Mensch ist entweder ge-storben oder entzückt.
Die doppelten Thränen.
»Es weinet die Jugend, eS weinet das Alter;aber dort thauet der Morgen, hier nur derAbend.« So pries der Jüngling die schönenThränen junger Augen. Aber als der heiße Tagden Morgenthau und seine Blumen verzehrethatte, und der Jüngling ein Greis gewordenwar, so sagte er: »wohl liegt der Abendthautrübe und kalt eine lange Nacht durch; aberdann kommt seine Sonne, und er schimmertwieder.«
Die Zugvöge'l.
Als die Zugvögel über die Städte und Hüttender Menschen wegzogen in ihren nächtlichenWolken, so sangen sie: «seht, die Menschen baueneine Erde über die Erde, und werfen Maulwurf-Hanfen empor, hier und dort, und blicken wieGewürm aus den Hügeln heraus; denn ihnenwächst keine fliegende Wolke, kein sternen-hoheSEisgebirg und kein Blütenwipfel; sie schlafen undliegen gern tief.« So sangen die Zugvögel, wiePapageien, spöttisch den wvlkentreibenden Geisternnach, welche über die großen Städte der Menschenscherzten und über die Dörfer. Dies hörten unteneinige Isländer im Mondschein, und sie riefenerfreuet: droben fliegen Schwanen (') und sieklingen schönen Geigen gleich!
(*) In den langen Isländischen Nächten tönen diejichenoen Schwanen wie Violinen,