Herbst»Blumine.
155
sich das Große und Ungeheuere des Weltschicksalsempor, «der eure Furcht wähnt nur, es stehe soerhaben da, um sich über euch zu stürzen. Stehtihr nicht an den Ufern des Weltmeers, und ihrseht dasselbe sich in der Ferne über euer Ufer anf-thürmen, und ihr fürchtet doch nicht, daß die Was-serberge auf euch fallen, weil ihr wißt, daß dasgroße Rund der Erde sie hebt und hält. ?(*)
Das Sternbild Antino-us ging auf,und flogund sang:
Die Jugend klagt, daß die dicken Kornähren dieKornblumen ersticken. Das Alter klagt, daß dieBlumen die Aehren verfälschen. Söhnet euch aus!Jugend, nimm aus der alten Hand die Sichre:Alter, nimm aus der jungen Hand die Blume;und dann verbergt und verschönert Beide mit Ern-tekranz und Blumenkranz eure Jahre.
Der Wassermann stieg auf, und zog und sagte:Klage niemand über heiße Zeit; kommt eS nicht aufeuch an, ob ihr euch vvm kochenden Sprudel wolltheilen und stärken, oder nur verwässern und ver-steinern lassen?
Das Musen pferd flog in Osten empor undden Himmel hinan, und es klang:
Stelle nicht das Toben gegen das Toben, stellenicht Feuerbrunst und Meer, sondern die Wind-harfe der Dichtung gegen den Sturm; er redet dichdann vielleicht mit einigen Wohllauten an.
Der Schwan sank ins Wvgenblau und sang:
Wirf, du Erdensohn, deinen Anker nicht in dieTiefe des Erdenfchlamms, sondern in die Höhe desHimmelblau, und dein Schifflein wird fest ankernim Sturm.
P erseu s ging auf und glänzte mit seinen Son-nen und sang:
Was verdeckt den Geistern das neue Jahr?—Istes ein Bühnenvorhang? — Ein Sargdeckel odereine Wiegendecke? Ein Abendnebel oder ein Mor-gennebel ? Eine Aurora's Wolke? Oder die Mo-sis decke? — Ja, die Mosisdecke verhüllt es denHähern Geistern, denn Gott erscheint in jedemJahre; aber den tiefern Geistern verbergen eSdie übrigen Hüllen.
Das Einhorn ging auf, und es klang:
Wer zweifelt, verzweifelt; Angst verkündigt dengezückten Donnerschlag über dem Haupte. Werhofft. hat schon gesiegt und siegt weiter.
Der Krebs kroch empor in.Osten, und richtetedie Scheren auf, und es klirrte:
Stürme der Zeit löschten oft das stille Licht derVölker aus; aber die Narrheiten der Menschensind Irrlichter, welche im Regen und Sturm nurlustiger tanzen und hüpfen. -
Der Skor x i on kroch an der Milchstraße, undhob den Stachel, und es zischte:
(*) Die Irrthümer der Uebermüthigcn und Kleinmü-thigcn lassen sich iiz ihrer Entgegensetzung weniger bildlichso ausdrücken: der getäuschte Mensch dehnt immersein Unglück zu einem allgemeinen aus; danntäuscht er sich wieder umgekehrt, dass er allgemeinesUnglück oder Glück, «der überhaupt das Gewaltigedurch Furcht für sich Eiüzelncn zusammenschiebt in Einpersönliches Leiden; und daß er die Wunden, welchez. B. der Krieg unter tausend abgesonderte Herzen aus-theilte , phantastisch zu einem Brennpunkt in seinem ein-zelnen sammelt. >
Wohl hüpfen Jrrlichterchen auf den Gräblcin derMenschen mit Recht: fürchtet sie nicht: es sind nurdie auferstandenen Menschengeisterchen, die gernewieder in ihre Leichen zu fahren suchen, um mitderen Beinen wieder zu springen, und sich wiederzu verspringen.
Nun fuhren hart andere verdichtete Sternbildereinander nach, der Steinbvck nnd der Nabe — dergroße und der kleine Hnnd — der Wolf und derSchütze, und endlich noch der Triangel und Pfeilund todtes Wesen. Aber es war ein scharf gel-lendes Uebereinandertönen ohne Wort. Endlichschloß der ganze Himmel seine Augen und wurdesternenleer und finsterblau; nur Mars blickte zvrn-roth fort.
Plötzlich quoll es wieder in Morgen auf, abernicht wie lebendige Gestalt, sondern wie eineWell; der Neumond des Jahrs erschien, aber seineganze Halbwelt war ein einziger weiter Blitz - undSilberblick. Er stand mit seiner Welthälfte, dieer sonst ewig den Erdsöhnen verbirgt (*), uns zu-gewandt. Wie anders und schöner war es auf ihr,als auf der alten, welche sich in Abgründe undHölle» und Höllenmauern auf kalten Feuergebir-gen , ohne Regen und Regenbogen, und ohn, Däm-merpurpur uns vor dem Stralenglase zerreißtAus seiner abgebrannten Welthälfte schienen dieSeelen und Blumen und Blüten in die lebendigereiche geflohen. Da gab es nur Auen und keineander» Berge als nur höhere Weingebirge; eineganze Weltfläche war nur Blnmenschmelz —Thau-blitz — Blüte ohne andern Staub als Blutenstaub
— Tulpenfarbe — Maiblume auf Bergen, undAlpenröschen in Tiefen — und ein Wehen wie voneinem Tone und ein Schweigen wie vom Allseligen.Es schien als müßten dort die Freuden weinen, weilsie zu groß waren, und die Schmerzen lächeln,weil sie zu klein waren. Noch erschien Las leuch-tende Arkadien unbewohnt: doch war es, als wenndie beglückte Halbkugel sich gleichsam so zur sanftenGestalt einer Jungfrau zusammen malte, als diezerrißne Halbkugel sich zu einem Mondmanne.Auf einmal rauschten die entflogenen Sterngestal-ten in den lieblichern Mond zurück. Herkulestrat hinein, und stand, mit dem rothen Mars alsStern auf der Brust, hoch als König der Auenwelt.
— D>e Jungfrau, von dem Schwan umflogen,stellte sich neben Herkules — den Brudern Kastoruud Pollux ging der große und der kleine Löwenach —der Schlangenträger und der Wassermann,Perseus und das Einhorn kehrten unter die gro-ßen Blumen der Luna zurück — der Krebs undder Skorpion zersprangen in die Sonnen ihresSternbildes, und füllten damit wie mit Thauju-welen die Blumen der Luna.
Auf einmal lagerte sich um den Rand des Mon-des ein Helles Morgenroth; und zu gleicher Zeitblühte ein zweites an der Erde auf, und beide glü-heten nebeneinander nach, und Eine Sonne brannteaus der Himmeltiefe in zwei Morgenröthen hin-ein. Da zerriß die Sonne die doppelte Mosis-decke und ging auf. —
(*) Bekanntlich ist für lins die zweite Hälfte des Mor-des abgekehrt und unsichtbar.