Band 
IV.
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Herbst-Blumine.

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sammen, in welchem ein jedes Eingeweide den so-genannten Leerdarm nachspielte. Vielleicht abergeht man neuerer Zeit auf der andern Seite zuweit; denn man wirft allen Schullehrern Besol-dungen aus, wenn auch kärgliche, nnd manchekönnen oft blos von ihrer Einnahme leben, wennsie nicht Frau und Kinder haben. Man vergißtböhern Orts, scheint es, daß, wie verfinsterteStälle zum Fettmachen der Thiere, so umgekehrtSchulstuben voll Licht zum Entfetten und Abma-gern der Inwohner helfen sollen.

Wer unsern Rektor Seemaus — zu welchemwir zurück wollen — zu Gesicht bekommen, weiß,wie Armuth und Hypochondrie gepaart aussehen;zwei gute Wechsel-Gegengifte, die keinem Schul-mann fehlen sollten, weil den Appetit, welchendie Hypochondrie abspannt, die Armuth wiederaufreizt, und doch zum Vortheil der matten Ver-Laukräfte ganz zu stillen verbeut.

Aber hier ist endlich des Mannes Schreibenselber, worin er so wechselnd weinerlich undlustig sich gebehrdet, daß man nicht weiß, mitwelchem Wechsel man es halten soll.

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Ew. Hochwvhlgeboren finden an mir »och im-mer. den alte» erbärmlichen Rektor Seemaus-wie Sie ihn vor vielen Zähren gekannt. Sieselber find seitdem wacker aufgestiegen und lebenvon Ihrem Gelde — was ich freilich auch thue,so oft ich welches habe — ; sonst standen wiretwas näher beistimme», und ich sehe Sie nochvor mir in Ihrem grünlichen Flausrvck schreiten.Zn meinem elenden Wohn - und Marktfleckenkommt mir nichts von Ihnen zu Gesichte, als dieLobsprüche, welche die Literaturzeitung Ihnen zollt,unter welchen wohl manche fehlen mögen, die Sievon den Ergänzblättern empfangen, welche letz-ten aber unser Lesezirkel aus Sparsamkeit nichtmithält. Nachgedruckt werden Sie auch wenig,und ich besitze nur das Kampanerthal von M fi-tze n in Neutlingen (*).

Uni nun auf mich zu kommen — denn meinet-wegen schreib' ich überhaupt den Brief —so wachsich zwar auch, aber ich weiß nicht wohin zu, wennsnicht unterwärts ins Grab ist. Ich scheine ordent-lich in die Länge in meinem Alter zu schießen, woandere in die Dicke treiben, aber in das lügenhafteLangduodez zieht mich meine elende Abmagerung.Fahr' ich so fort, und lasse mir jährlich die Westeeine Hand breit einnähen, so setzt sich zuletzt hin.ten eine ganze junge Nebenweste auf der alten an.Alles andere in meinem Hause ist auch lang unddünn, meine Frau, meine Schwiegermutter, undmeine mannbaren Töchter, bei welche» ich mich ver-geblich nach Enkeln umthue.

Wir heiße» im Marktflecken nur die lange Fa-milie. Lnngensüchtig find wir gleichfalls sämmtlich,— und gewöhnlich husten unserer fünfe zusammen,

(*) Der österreichische Kaiserstaat ließ seitdem meinenWerken vielleicht mehr als Gerechtigkeit wiederkehren,und nahm sie in den glänzenden Ehrcnkreis seiner Nach-drücke auf.

welches Chor und Quintett jedoch das Angenehmehat, daß keiner während desselben auf den andernhinhören nnd ergrimmen kann. Anlangend meinenSpracht»», so hört er sich im Ganzen wie dieStimme eines Schornsteinfegers an, der oben ausdem engen Rauchfange einige dumpfe Worte mitdem Ruße herunter fallen läßt. Meinen Humorkönnen Sie sich demnach denken; ich will mit jedemAndern leichter auskommen als mit mir, wenn ichblos meine Schwiegermutter ausnehme.

Doch ich breche von unsern zehn beschnittenenLungenflügeln ab. Das Allererbärmlichste ist nurdie allgemeine Armuth, die in unserer ganzenStube regiert. Denn woher — bitt' ich Sie undJeden — soll ich etwas holen? Es müßte aus derKriegsteucrkasse der reichliche Beitrag sein, den ichhinein geliefert, oder aus den einquartierten Mä-gen der Fleischzehnd und die Tranksteuer, welcheich in jene von meinem trocknen Brote entrichtenmüssen.

Hermes sagt in seinen peinlichen Romanen-akten, nicbls sei einem Gelehrten ungesunder, alsallein zu essen. Nun hab' ich mich wohl, nur jederSchulmann, gut gedeckt, da eine hinlängliche vonMir selber erzeugte Tischgesellschaft mit schneidetund spießt. Das Essen selber aber anlangend, soist seit Jahrzehnden vom guten ohnehin keineRede; — ganze köstliche Kochbücher gibts, die nochnie über meine Zunge gegangen, und >ich werdeauch.wohl nicht eher etwas Ausgesuchtes z» schmeckenbekommen, als bis ich als magnetisch-gestrichnerHellseher schlafend aufsitze, und ich die guten Bis-sen, die mein Streicharzt vor mir kaut, bei leerenZähnen ihm ab- und nachschmecke, mit der obliga-ten Zunge als vvrbesiimmter Harmvnist mit seinemGeschmack (').

Außer dem guten Essen fehlt mir und den Mei-nigen auch das schlechte. Wen» Cäsar, wie Sieaus C ä s a r am besten wissen, zwei und fünfzigSiege davon getragen, so erfechten wir in jedemJahre von zwei nnd fünfzig Wochen wohl eben soviele, in jeder Woche einen neuen über unsernalten Familienfeiud, den Hunger; ich will aberlieber einen auswärtigen Feind überflügeln, alseinen inwärtigen, wie der Magen ist, der größtegefräßigste Eingeweidewurm, den man nur hat.

Einiges muß ich Ihnen doch mehr von meinerLage sagen, eh' ich weiter gehe. Die Schule inmeinem Marktflecken stellen Sie sich sehr gut vor,wenn Sie sich an die im Markiflecken Schwarzen-bach an der Saale erinnern (*"), in welcher Sie jaselber gewesen, zwar nicht als Schullehrer, aber dochals Schulkunde. Auch in meiner gibts nur die beidenSchul-Pole, einen Rektor und einen Kantor; wirBeide treiben unserDuumviratzugleicherZeit, undsind in einer Stube zwei Parlamenthäuser.wie etwavon zwei Rothkehlchen in Einer Stube jedes derBissigkeit wegen den halben Bezirk bewohnt undbehauptet. Wir haben uns nämlich in beide Ge-schlechter getheilt, und während er über die weib-

(*) Nach einigen Nachrichten theilte sich der Hellsehe-rin der Geschmack dessen mit, was der magnetische Arztneben ihr genoß.

(»») ba,'erschxn Mainkrcisc, dem Fürsten ro»Schönburg - Waldcnburg gehörig.