Band 
IV.
JPEG-Download
 

Politische Fastenpredigten

409

111 .

Dämmerungschmetterlinge

oder

Sphinxe.

Vorwort

Wer will, kann den folgenden abgerissene» Ge-danken noch mehr Aehnlichkeit mit der BenenungDämmerungschmetterlinge zugestehen, als mir zurEhre gereichen. Bekanntlich gibt es drei Ge-schlechter der Schmetterlinge, Tag- (k>apilio),Abend- (SMiiix), und Nachtvogel (l'liuluouu).Die Zeit dämmert — wiewohl jede irdische däm-i mert, entweder vor oder nach der Sonne; undnur die Ewigkeit ist licht; — und darin gönneman denn einige» Gedanken den kurzen trägenFlug, oder in einem Museum die Glastafel,worunter sie angespießt glänzen, und etwas vor-stellen. Nur hängende Flilgel haben ste nickt,wie die körperlichen Sphinxe; aber hinten, wiediese, ein Horn, womit ste folglich vornen nichtstoßen. Obwohl so prächtige Abendvögel als LasAbendpfauenauge, der Tvdlenkopf und der Phönixin dieses Geschlecht gehören: so bescheide ich michgern, daß ich hier nichts weiter fliegen und spie-ßen lasse, als die kleine Weinmolte, den Tauben-jchwanz, die Zirkelmocks und die Ringelmotte, ummit Blumenbach in der fünften Auflage seinesHandbuchs, S. 353, zu reden,

Erste Sphinx.

! Ueber die menschlichen Ansichten der, Zukunft.

j Wenn wir uns die Vergangenheit Jahrhun-l derte weit zurückmalen, so erscheint ste uns durcheinen Augentrug, der die fremde mit unserer kur-zen jugendlichen verwechselt, morgendlich-frischund grün, und mehr mit Jünglingen als Greisenbevölkert, als ob nicht auch die unsrige Greise be-wohnten (*). Schauen wir aber in die lange Zu-kunft jenseits unseres Grabes hinaus oder hinab:so stellt sich uns gerade durch die umgekehrte Ver-wechslung alles mehr alt, abendlich und greisen-j hast dar, als ob jedem Greise nicht ein Jüngling> vorgelebt hätte. — Sollte nun nicht diese Lug-s Fernmalerei (Perspektive) uns eben so Nölker-! Vergangenheit ausschmücken, und Volker-Zukunft! verunstalten? — Warum wurde z. B. so oft die! Nähe des jüngsten Gerichts vorausgesagt, welchem

(*) So legen wir unwillkürlich in das alte Leer un-serer Steuern denselben Seelen-Früyling, den unser junges«or ihnen und durch sie durchlebte.

doch das Gericht der Versiockung einer ganzenWelt vorausgeht, also eine Vorhöllenzeit?

Da übrigens die Quellen des Irrens leichter zuzeigen sind, als die Heilmittel desselben—indeß die >Arzneimittellehre die Ursachen der Krankheiten !schwerer als die Gegenmittel aussindet — so sei !zu der angegebenen Jrr-Quelle blos noch die be- >kannte dazu gesetzt, daß die Menschen ihr Stück- Ichen Marklfleck und ihr Stückchen Augenblick von !jeher mit Wslttheil und Weltgeschichte entweder ^fürchtend oder hoffend verwechselt haben, ihr sFlüßche» etwa so nennen, wie Homer jeden Fluß,nämlich einen Ozean, oder auch wie physischeSündenkränklinae alte verschuldete Schmerzen !gern großen Seuchen und Wetterwechseln zu-rechnen. j

Daber trug der blos« einsame mehr im Fernen ^als Nahen lebende Gelehrte oft über den in seine sZeit- und Thron-Enge eingekerkerten Staatmann !den Sieg in politischen Weissagungen davon,gleichsam ein Tirestas, von Göttern für die naheUmgäbe blind gemacht, aber dafür von fibnendurch ein wahres Wahrsagen der Ferne sHMosgehalten!

Nur weiter! Der Gläubige einer Vorsehungruht in den Weltstürmen ohnehin auf einem festenTroste; aber sogar der bloss Gläubige der Ge-schichte findet in dieser den Anker der Hoffnung, ,obgleich mit einem nock wenig bezeichneten Unter- jschiede. Es gibt nämlich einen zwischen einem ^verschlim m erten Zeitalter oder Volke, undzwischen einem verunglückten; wiewohl blos 'jenes ganz in dieses übergeben niuß, nicht dieses !in jenes; folglich kann man über das eine aus 'lange binaus prophezeien, über das andere wein- iger. Das Schicksal hält Nämlich fest einem un- ^moralischen Volke den Giftkelch zum A uslee- iren vor, und läßt dasselbe alle Verzückungen des !Vergiftsns durchmachen, bis es am selberversertig-ten und zurückgeschluckte» Gifte, wie die Klapper-schlange am eignen Bisse, verscheidet - — allesdies konnte man z. B. dem römischen Rei che aufJahrhunderte aus der Hand oder Faust lesen, ,welche die ALlerklaue oder Wvlstatze der alten iWelt geworden. ^

Hingegen die Zukunft eines verunglück- 't e n Volkes hebt sich über menschliche Vorblicke ^hinaus, und doch zu den Hoffnungen hinauf. >Die Menschen glauben nämlich, aber irrig, daßein gestürztes Volk nur von der Kette der Hüls- iMöglichkeiten, die ihnen vor Aug n liegen, wieder iin die Höhe zu ziehen sei; wenn ste nun finden, !daß für den Abgrund, worein es geworfen wor. !den, alle Rettleitern zu kurz find, um es empor zu !bringen : so schließen sie daraus aufbeffeu Rettlostg- !keil, ohne sich aus der Geschichte zu erinnern, !daß ei» Hohlsn-Abgrund der Völker — so wie seinige physische Abgründe — außer dem Rück- sAusgange nach oben, auch einen unten nach der !Ebene, ja nach der Tiefe hat, so daß ein uner-warteter Seitengang plötzlich ein freies Welt-grün und Himmelblau aufthut. Daher wurdekein Volk durch sichtbare alte Hülfmittel gerettet.Als Rom entseelt ohne Freiheit und Sittlichkeitdalag, und als nun an dem fortlaufende» Riesen-kadaver eine ganze daran gekettete Welt vermo-

Jea-iPaul'S Werke. n .

52