410 Politische Fastenpredigten.
der« hätte müsse», da selber durch die gesundenNordkeere die ansteckende Sargpest nur weitergedrungen wäre: wer obsiegte der ungeheuernGifk-Roma? Das Dörfchen Bethlehem.
Wollet also nicht errathen,sondern vertrauen!
Zweite Sphinx.
Landes-Reichthum und Macht.
Kein Land wird reich oder mächtig — vieliuehrdas Gegentheil—durch daS, was es von außen hin.einbekommt, sondern nur durch alles, was es aussich felber gebiert und emportreibt. Nur der gesundedichte Baun, trägt jährlich seine Honigblüten undHonigfrüchte, aber der Baum, in welchem Bienenihren Honig aufhäufen, ist hohl und faul, undsieht bald ohne Honigkelche da.
Dritte Sphinx.
Dreifacher Mißvrauch der Anspielun-gen auf die Zeit.
Drei ganz verschiedene Parteien leiden und sie-chen an Anspielungen, die erste macht, die zweitewittert, die dritte rügt sie. Wie nämlich ineiner epikurischen Stallzeit auch der reinste Autorunzüchtig denken muß, um nur züchtig zu schrei-ben, und wie er sich in die unreine Stelle des Le->ers versetzt, um desto sicherer diesen in seine reinezurückzusetzen -. so muß ein politischer Schriftstellerjetzo in sein Inneres alle denkbare Zeitfeinde,Ketzer, Staat-Zeichendeuter zusammenberufen undsie abhören. um nur seine Meinung so zu sagen,Laß sie nicht mit der ihrigen zu vermengen ist.Wie dem französischen Trauerspiel die Zeichendeu-terei und Mißdeuterei solcher Auguren jeden freienLdlerflug anhielt und an Fäden band: so wirddurch sie dem Witze und jeder Betrachtung derWeltgeschichte das Schicksal einer ähnlichen Engebereitet. Ich mache mich anheischig, aus jedem^ Buche politischer Gattung, sei es zehn oder mehrez Jahrzehende alt, mit einem guten Dionysius-Ohr; so viel boshafte und unerlaubte Aeußerungen überdie jetzige Zeit heraus zu horchen, daß man garnicht begreifen s. ll, wie mau im siebzehnten Jahr-hundert bei einer sonst guten Wachsamkeit so vielezügellose Ausfälle gegen das achtzehnte hat so freierlauben mögen.
Drei Worte seien hier ausgetheilt, eines andie freundschaftlichen Ausleger, eines an die feind-seligen, und das letzte an die Teptmacher selber.
Unter einem fre u nd sch a ftl i che n Auslegermein' ich den welcher in einem fremden Bucheseine eigne Meinung, obwohl tief vergraben, ent-deckt und mit seiner Wünschelruthe erhebt. Alleindie Ruthe kann wohl dem Ruthengänger, aberauch den Vergraber schlagen, und das Gold, dasjener hebt, kann leicht dieser geschmolzen zu ver-schlucken bekommen. Dann schlägt es einem
! Manne, der gern ruhig, ja freudig schreibenwollte, die Feder aus der Hand, wenn ihm überalleine Entzifferkanzlei nachfährt, welche, lass er auchallen Text weg, desto mehre Noten ohne Textmacht. Er überlegt oft, ob er zu einem Niesendensicher sagen dürfe: Gott helf! weil man fragenkönnte : --aber wem? dem Teufel, oder den Halb-teufeln, oder den Halbgöttern, oder welcher Par-tei?» Treibt ers am weitesten: so schläft er garnicht ein, sondern läuft wach herum, weil ihmniemand dafür steht, daß er nicht mit seinen Redenim Schlafe anstößt. Aengstigt sich der Mannjweni-ger unsäglich; so verwandelt er sich doch aus einemRäthsel zur Charade, aus dieser setzt er sich in denLogogryph um, und aus diesem kleidet er sich garin das Chrvnodistichvn ein, das eine Zeit odereinen Namen mit lauter großen Anfang-Buch-staben lobend zwischen kleine Gedanken hinein-schreibt.
Für je höher sich vollends ein solcher Mann hält,desto mehr glaubt er sich verhüllen zu müssen, daer, schützt er vor, selber Nichtwissen könne, ob nichtunendlich viel Fund in jedem Satze stecke, den ervorbringe. — An sich ist es wahr ; in jedemKraflschreiber, schon von Pope an, in dessen Ge-dichten nach seinem eignen Geständriiß Warburtonmehr Einsicht entdeckte als er selber, bis vollendszu Shakspeare und Homer hinauf, wovon jederviel von ch selber hätte lernen können, wenn erihm von guten Kunstrichtern wäre übersetzt undumschrieben worden, kurz in solchen spricht sich,wie im Instinkte der Thiere, eine unbewußte gött-liche Fülle aus, gegen welche freilich mancher Bile-am nur als sein Reitthier erscheint.
Der feindselige Ausleger — zweitens — einArgus überall mit Brillen besteckt und bepanzert,sollte bedenken, daß das thätige (nicht das beschau-liche) Deutschland nicht einmal Bücher als Hebe-bäume bewegen und rücken, geschweige das verbor-gene Stengelkeimchen einer Anspielung. Nur fürFeuers-Völker (*) wird ein Einfall ein Obervns-Li-lienstengel welcher Massen regt. Von den, noch dazumit blutigen Beispielen illuminierten Büchern derRevoluziön blieben die größer,! deutschen Länderunverrückt. Ueberhaupt nur der Donner münd-licher Beredsamkeit, der auf einmal über ein hal-bes Volk hinrollt, dieser erschüttert, befruchtet, er-schlägt; aber das Geigenharz des Witzes und derAnspielung macht zwar Blitz und Donner nach,aber abgesondert, jenen in der Kulisse, diesen aufder Baßsaite im Orchester. Wäre gleichwohl Wir-kung von Anspielungen zu besorgen, so wär' esnicht vom Erlauben, sondern höchstens von. Ver-bieten derselben. Wie man durch lateinische Spra-che sonst der theologischen Ketzerei den voreiligenEinfluß auf das Volk abschnitt: warum erwartetman nicht dasselbe von der feinern Anivieluna beipolitischer Ketzerei?
Endlich drittens ist dem Tertmacher oderSchriftsteller selber ein Wort ins Ohr zu sagen,das er sich dahinter schreiben kann. Der Tertma-cher hat den Fehler, daß er zu sehr mir oder an-
(*) Aber wenn solche so leicht durch ein Bonmot ent-zündet werden, so werden sie wieder eben so leichtdurch eins besänftigt.