Band 
IV.
JPEG-Download
 

422

Politische Fastenpredigten.

! sitätgebäude und Sakramenthäuschen bekam, und

> darin mich als Miethmann setzte, als gar zuI bald ein Schellingscher Ballen einlief? — Ich! sagte aber trotzig: "dieses neue System will ich noch! annehmen, und zum Ueberfluffe hernach das, wel-! ches wieder jenes umwirft; aber dann soll mich! der Henker holen, wenn ich, — bei meinem Ordi-nariat philosophischer Fakultäten —es nicht anders

> mache." Aber ich mach' es auch setz» anders, ich! lasse gewöhnlich sechs oder acht Systeme zusam-

> inen kommen, und lese das widerlegende früherals das widerlegte, und weiß mich also durchdieses Rückwärts-Lejen — wie die Hexen mitdem Rückwärts-Beten des Vaterunsers bezaubern

— so glücklich zu entzaubern, daß ich setz», wennich mir nicht zuviel zutraue, vielleicht der Mann

! bin, der gar kein System hat. Heimliches Mit-

> leid heg' ich daher, wenn ich nach der Ostermesss! nebe» einem systematischen Kopfe in einem Buch-i laden stehe, und ihn überall von neuen Lehrge-! bänden umstellt finde,welche jede Minute, sobald! er eines aufschlägt, ihn ummünzen können, undi zum Selber-Wechselbalge umtauschen. »O Sie^ Unschuldiger!" sag'ich dann.

^ Wir kehren zu Krieg und Zeitung zurück. —i Die Truppen beider Mächte blieben in den feindli-' chen Städten fest; ohnehin war wechselseitiges! Erobern der Städte, bei diesem Mangel an allem

> groben Geschütz, sogar an vernageltem unmöglich;i und Herauswage» aus des Feindes Stadt unrath-l sam, weil die feindlichen Bürger das Thor zuwerfen

> konnten, und der Landesherr vor seiner Haupt-i stadt draußen im nackten Freien stand. Beidei Feldherren schienen Windmühlen in Thälern zu! sein, denen nur zwei Winde zu Gebote stehen,i Man brachte also, mochte man noch so großen

> Kriegrath halten, keinen andern Rath heraus,

! als den zu täglichen kleinen Streifkorxs oder! Streiflichter», damit doch die Dörfer und die

> feindlichen Streifkorps auch etwas empfänden. Aber! diese Scharmützel-Partien waren eben die Engel der

> Zeitungschreiber, nämlich ihre Zeitungkorrespon-denten, so wie die Maiockeui», ihre Kolporteurs,damit jeder karettisr sich an andern chagrinierle

— O mein Campe und Kolbe!

Einige Artikel seien mir aus Schnabels patrioti-schem Archiv einzurücken erlaubt; ich würde mehreausziehen, wäre nicht seine Geschicht-Muse eine! prima ckoima bulüd. Der Artikel im Sonntag-blatt sagt, sie hätten vor der Schlacht an, Galgen-berg die schöne altdeutsche Sitte zurücknachgeahmt,sich Leichentext und Sarg bei Lebzeiten zu bestel-len. Darauf erhebt er mehre vom RegimentstabeMaria's, und sagt. sie wären in ihrer Külmheitganz so ins feindliche Lager gegangen, wie sonstTrompeter in eines geführt werden, nämlich mitverbundenen Augen, wiewohl Liess Blindheit denOperazione» mehr geschadet als genutzt. Hämijchfällt er gegen einen der besten Offiziere aus, vonwelchem er sagte, er sei weit mehr von der Liebeals vom Haffe beschädigt worden, — und führtversteckt die letzte Stelle an, die Nase, von welcherer behauptet, er habe sie als tapferer Mann ver-loren, weil er dem feindlichen Geschlechte stets dieStirne geboten. Er will ihn zwar nachher damitentschuldigen, daß nach einer bekannten Bemer-

kung an alten Bildsäulen gerade die Nase» ammeisten beschädigt sind, bringt auch die scheinheiligeFikzion bei, daß so wie jener Mann Sitzen mied,weil er sich für gläsern hielt, ein anderer dasStehen im Feuer fürchten kann, weil er seinerNase, nach der rhetorischen Figur pnrs pro toto,folgt, und sich selber für wächsern hält; aber im iGanzen will er ihn doch lächerlich machen. !

Weniger zweideutig ist das Dienstagblatt deffel- !den Schnabels. Es lautet wörilich so: »Unser !Tiberi'us hat wieder gesiegt, nicht über den Für- !sten Maria Puer, sondern über dessen Truppen, !so weit sie verkriechen und zwar in einem Kruge.» !Nur sage man nicht vorher, ehe ich weiter be- !schreibe, daß solches Wirthshäuser Plänkern nichts ientscheide und beweise; freilich kanns anfangs blos !beweisen, und nur später entscheiden; denn einPlänkler macht ein Streifkorps, Streifkorps einRegiment, Regimenter das Heer.

Ein Tambour vom Regiment Tiberius traf ineiner Kneipe auf zwei feindliche Flügel, wovon je- >der Einen Mann stark war. Aber der Trommlerpostierte sich dem Heere kühn entgegen an einem ^Tische, und soderte sein Glas. Er sah beide 'Flügel scharf an, und Grattenauers Bemerkung ^konnt'ihm bekannt sei», daß zwar in sonstigen ^Kriegen die Gesundbrunnen für neutral gehalten ^wurden, aber nicht in jetzigen; und in der Thatsind Kneipen, Krüge und Wirthshäuser — diese iGesundbrunnen gesunder Trinkgäste — die ge- !wöhnlichsn Kriegschauplätze, wo die Krieger geradedas, was sie am meisten gebrauche» und am näch-sten besitzen, Stuhlbeine und Krüge, zu Waffen !umarbeiten, gleichsam Glocken zu Kanone», und so 'trunken Trauerspiele mit einander spielen; daher !die Griechen mit so feinem Sinne den Bacchus, nicht !den Apollo, zum Patrone der Tragödien erlese». ^Wenn übrigensJsenflamm s*)Recht hat, daß nichts lso schnell nüchtern macht, als eine Verwundung : so !sind Wunden wohl nirgends heilsamer angebracht,als in Häusern, wo Trunkenheit an der Tag- undNachtvrdnung ist, und ein leerer Krug stellt, gutgeworfen, an Köpfen alles wieder her, was der vollein ihnen eingeriffen. —Kurz derTrommelichlägernahm nach kurzem Rekognoszieren der Gesichterbeider Flügel seine Trommelschlägel, und schlugmit dem rechte» Schlägel den rechte» Flügel, mitdem linke» den linken dermaßen aufs Haupt,daß aus letztem einiges. Blut floß. Seins wah.ren Absichten dabei sind, wen» nicht unbekannt,doch streitig; denn auf der einen Seite nimmtder Feind an, der Tambour habe beiden Flügelnnur zur Ader gelassen, weil sie zu unerschrockengegen ihn gewesen, womit der Feind auf die Rö-mer anspielen kann. welche den Sklaven, die zukühn auftraten, zur Ader ließen; auf der andernnimmt der Freund mit mir an, der Pauker habedurch einige Kopfwunden nur das Gedächtniß derMarianer, ihre Niederlage betreffend, stärken undauffrischen wollen, da bekanntlich Kopfwundenoft so stärkend auf das Gedächtniß wirkten wieKräutermützen (**)'

(*) Ueber die Nerven.

("'s Nicolai in seiner Fortsetzung der Pathologieführt aus Pctrarch an, daß Papst Clemens VI. sein