Band 
IV.
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Der Komet

506

Weibliche Reize in der Ehe.

Mit blosen Reizen, leiblichen oder geistigen, inder Ehe zn fesseln hoffen, ohne das Herz und ohnedie Vernunft, welche allein anknüpfen und festhal-ten, heißt eine Blumenkette oder einen Blumen-kranz aus blosen Blume» ohne ihre Stengel ma-che» wollen.

Ernste Ausschweife des fünften Vor-kapitels.

Die prophetischen Thautrvpfen.

Ein zu weiches und weises Kind beklagte an ei-nem heißen Morgen, daß die armen Thautropfengar nicht lange allsten Blumen hätten funkeln dür-fen, wie andere glückliche Thautrvpfen (*), diedie ganze Nacht unter dem Monde lebe» undblinken und noch am Morgen bis zu Mittag inden Blumen fortglänze» ; die zornige Sonne,sagte das Kind, hat in ihrer Hitze ste aus denBlumen getrieben, oder ste gar verschlungen. Dakam an diesem Tage ein Regen mit einem Regen-bogen, und der Vater zeigte hinauf: „Siehe,droben stehen deine Thautrvpfen im Himmel und 1glänzen in Pracht, herrlich neben einander gesellt,und kein Fuß tritt mehr auf ste; denn merkemein Kind, vergehest du auf der Erde, so ent-stehest du im Himmel, „ sagte der Vater; aberer wußte nicht Laß er weissagte; denn bald daraufstarb das zu weiche und weife Kind.

Der Dichter auf dem Krankenbette

Schon halb geschieden vom Leben, lag der Dich-ter auf dem Siechbette und die Nacht war umihn, nur am Himmel standen die Sterne hell mitihren entfernten Tagen. Einmal malte er sichsein Begraben aus, sammt den Thränen, welcheströmen würden, wen» die Glocken, die bisherihn und seine Liebenden nur zu froh- und zu weh-milden Gängen begleitet und gerufen, auf ein-mal die Liebenden zu einem letzten Gange ohneihn, rufen und leiten würden: da wurde erdurch das zukünftige Leichengeläute zu weich undmatt und sich selber zu wichtig. Auf einmal fingmitten in der Nacht ein Geläute aller Glockenan und ihm war zugleich, als streife erschütterndetwas über und durch ihn. Ein Angstgeschreikam: eS ist ein Erdbeben und läutet die Glocken.— Nun schämte stch der Dichter seiner vorigenTrauer und er erhob sein Herz und sagte: Wenndie Erde zerreißt und eine Welt selber und tau-

(*) Verfliegt der Thau sogleich bei Sonnenaufgang:so kommt Nachmittags Regen und Gewitter. Bleibt erlange funkelnd liegen: so bleibt der Tag hell»

send Bewohner zu Grabe läutet: wer bist denndu, daß du aus dem Leichengeläute eines kleinenweggeflogenen Wesens etwas machst? — Aberdie Erderschütterung hatte heilend den Krankenberührt, und seine Todtenglocke wurde noch nichtgezogen.

Der Regenbogen über Waterlvo'sSchlachtfeld.

Als endlich statt der Mordgewehre nur nochdie zerrissenen Glieder rauchten, und statt derKämpfer nur noch die Verwundeten gehört wur-den, stch nichts mehr bewegte als die Zuckung,und als der Tod sein meilenlanges, niederge-schnittenes Erntefeld ansah, das Durcheinander-sterben der Menschen und Thiere auf Einem La-ger : so erschien in Morgen ein Regenbogen, alswolle der Himmel die blutige Erde mit dem lin-den Verbände aus Farben umschließen. — Fürdie brechenden Augen war der Ehrenbogen inMorgen hingestellt mit seinen Blumenfarben undmit dem Himmelblau und mit dem Erdengrünund mit dem Morgenroth; der Siegerkranz, vomHimmel gereicht, und halb von der Erde ver- jdeckt; der halbe Zirkel der Ewigkeit, in welche !das Herz zieht, wenn es sich verblutet hat. i

DaS Gefühl bei dem Tode großer ^Menschen. i

Die Ewigkeit hat Großes, die Vergangenheithat große Menschen genug, und die Zukunft ihrernoch mehr ; aber wie wenige hat immer jede Ge-genwart, die schmale Erdzunge zwischen den beidenGeisterweltmeeren. Man kann in einem erlaubtenSinne sagen, der Untergang einer bevölkertenHäuserzahl durch Erdfall und Waffersturz wiegein der geistigen Welt oft weniger, als der Un- ltergang eines Kraftmenschen, der, wie alles Große, !eigentlich nur Einmal erscheint: daher der Bei-name des Einzigen bei Friedrich H. so überflüssig, !ja zweideutig gewesen. Wenn wir erleben müs- !sen, daß wahre ausgezeichnete Geister hinter eil». !ander sterben: so ekelt uns das Leben an, dieErde wird uns zur Waise, und man glaubt ein- jsam ohne Vater zu sein, weil sie nun ihre gro- >ßen Gedanke», die wir nicht kennen, nicht mehrunten bei uns denke». Als Herder stark, halteder Verfasser —, und er hofft, noch mancherDeutsche — ein Gefühl, wie es den Reisendenauf dem höchsten Gebirge faßt, drückt und hebt,wen» vor ihm unten die Erde als eine verflosseneNebel-Ebene und als ein verstummter Schau-platz liegt, und über ihm der Himmel schwarz-blau ohne ein Leuchtwölkchen steht, aber ihn ausden, dunkeln Abgrunde blitzend anschauet, blosmit einer einzigen, scharfen, kalten Sonne. —Denn so stehet das Auge eines aufgestiegenenGenius in der Ewigkeit und steht uns an.

Unser noch so junges neunzehntes Jahrhundertscheint für uns Deutsche das Sterbejahr des vo-rigen zn sein, wenigstens das der Großen, die