528
Der Komet.
das Lustgefilde mit einem seiner majestätischenArme vermittelst des Ohrfingers (denn das Flüß-chen ist mehr zu hören als zu sehen) berührt undentzückt.
Freilich auf diese Weile und nach einem solchenZusammentreten und Zusammenstehen von vierStammhaltern und Endlingen aus eben lo vielenKränzchen, war es kein Wunder mehr, wen» derGesammtklub eine solche, so zu sagen, fast vier-schrötige Festigkeit gewann, daß selten ein Mit-glied den Gesellschaftsaal — das erwähnte Garten-häuschen — betrat, ohne ein zweites anzutreffen,oder ein drittes, ja das vierte dazu, welches denganzen geselligen Lende zuründete, wovon schon derAnfang des ersten Kapitels ein Beispiel vorgezeigt.Die Sitzungen wurden gern in die schöne Jahr-zeit verlegt, wo Leuchter und Ofen am Himmelhingen ohne eine Rechnung des Wirths.
Drittes Kapitel.
welches das Nöthigste über.Worble beibringt, nämlichungewöhnliche Kirchengesänge, ungewöhnliche Kö-che, ähnliche Winkelhochschulen und Eßtische.
Ich habe zwar im zweiten Kapitel Las Verspre-chen gegeben, einige Vorkenntnisse vvm Klub, von,Freimäuerer, vvm Zuchthausprediger und vomHofstallmaler (es sind meine eigenen Worte) mit-zutheilen ; aber ich bin nicht mehr gesonnen, esganz zu halten, sondern ich will blos vom Frei.mänerer — um desto früher zum Apotheker in seinI so viel versprechendes Laboratorium zurückzukom-! men — das vorausschicken, was ich nachzuholenhabe, nach seiner Rückkehr aus Leipzig, wo erStudent und Prinzengouvernör gewesen. DerMaler und der Prediger mögen vor der HanddemPinseldes Lesers blos unter ihrem Handelnund Wandeln sitzen. Worble ist ein Mann, derschon mit dem ersten Ausgangs oder Bande des"Kometen--erschien und sich daher täglich mit demSterne vergrößert, und von welchem jeder Freunddes Helden etwas Späteres wissen will, zumal beiseinen so gar erbärmlichen Umständen. Auch hab'ich im vorigen Kapitel noch versprochen, die NamenHarmvnist, Reffvurcer, Kasstner durch ein so gro-ßes Werk fortzubehalten; aber mein deutsches Ohr— dies merk' ich schon in diesem Kapitel — stürbean einem solchen widerdeutschen Echo, und ichwüßte auch nicht, wer mich, als Mitglied mehrerGesellschaften für deutsche Sprache, je znm Halteneine» solchen sprachwidrige» Versprechens zwingenkönnte. Ueberhaupt werd' ich mich öfters derwahrhaft nützlicye», schon im gemeinen Leben ein-geführten Freiheit, zu versprechen, ohne zu balle»,bedienen, in einem historisch-dichtenden Werke,wo ich durch die angenehmsten Versprechungenohne Erfolg und Frucht dem Leser gleichsamprächtige, gefüllte Blumen reichen kann, dieeben dieser Mille wegen bekanntlich als unfrucht-
bar nichts tragen. Und warum sollen überhauptSchriftsteller ihr Wort zu erfüllen verpflichtet sein,da sie dasselbe ja den Leiern blos schriftlich geben,ohne alle hypothekarische Versicherung, ohne Pfand-verschreibnng und ohne landesherrlichen Konsens?
Die Leser find höchstens die chirographische» (Hand-schriftlichen) Gläubiger desselben und kommen folg-lich in die fünfte Klasse, die nichts bekommt.
Unter den Kränzelherren — so schreib' ich vonKränzchen gern statt Klubisien, nach Sprachfolgevon Kränzeljungfern — war Worble im Werthder zweite und hieß (wie gedacht) der Freimäuerer.
Nur Rom nannte ihn so; sonst finden sich nirgendBelege, daß er wirklich Bruder gewesen; und be-deutende Logen, zu welchen ich nicht gehöre, wol-len ihn nicht kennen. Denn daß er häufig prahlte,er kenne und beichte gar keine Mauerer - Geheim-nisse, und daß er immer ungefragt sich ganz un-wissend hierüber anstellte, diese vorgespiegelte Un-wissenheit ist »och kein festes Merkmal einesFrein,äuerers, zumal an einem Menschen, der zuoft lachte und selten ein wahrhaft ernstes Gesichtschnitt, ausgenommen in, Schlafe, wo er zuweilensoll thränend ausgesehen haben.
Ich erkläre mir aber den Beinamen daraus,daß ingewissen Städten, besonders Residenzstädten , z. B:Weimar, Paris, die höher» Kreise Personen von ^Gewicht gern mit blosen Spitz- und Beinamen itaufen und rufe» : so lief z. B. Diderot in der IPariser großen Welt blos unter den, Namen !Llruiss cle kuillo herum (*). Ist es ja sogar ivom alten Rom bekannt, daß dasselbe ohne Wei- !teres sagte: Der Große, und damit unter so jviele» damaligen Geistesgröße» niemand »erstand, lals Liicssus I'vmpcssus, den Großen. Späterhinkonnte man freilich diesen Beinamen nicht ohneden Taufnamen beilegen, weil man, da in jedemLande ein Fürst der Große ist, so viele Großedurch etwas von einander absondern mußte. —
Am Glaublicvsten hatte Worble den Namen Frei- ^mäuerer von, einfältigen Rom erhalten, weil die-ses einen Mann nicht zu taufen wußte der keinenfesten Charakter halte, sondern seinen Thorzetlel-charakter in jedem Staatkalender wechselte. Erwar, wenn auch nicht ernst und reich, doch sonstdas Meiste, und wußte fast alles wenigstens halb,nur die alte» Sprachen weniger. Vvm Musen-xferde > ar er auf der hohen Scknle abgesessen §und auf das juristische Streitrvß gestiegen — von >diesem hatt' er auf das ärztliche Trauerpferd Volts- 'giert — und zuletzt hatt' er den geistlichen Palm-esel beschütten, um auf ihm vor das Abend - undLiebemahl eines Freitisches hinzureiten. Sein -Einzug - Esel warf ihn aber bald an Schädelstätten 'ab. Es war kein Segen bei seinem Leben, etwaseinen Frohsinn ausgenommen, denn sei» Prin-zengvuvernement in Leipzig wollte wenig jagen.Allerdings warf später Las Glück einen der wärm- ^sten Sonnenblicke auf ihn; es ließ ib» den allge- ,meinen Neid seiner Vaterstadt dadurch auf sich ^ziehen, daß er darin Orgeljchläger (Organist) undunterster oder fünfter Schullebrer (Quintus) inEiner Person wurde; ein trefflicher Anfangposten, i l
(*) Lorresyomlanee ineäilo äs l'ltbbee ?. 6aliani, I. t.