Der Komet.
561
Leib und Geist — und ein geschickter Seelenleh- ^rer, der ihn begleite, könne unvermerkt hier mitBlick, dort mit Wort, heute umschleichend, morgenganz ansprengen», die Spielwalze seiner Ideen soglücklich verschieben, daß sie ein ganz anderesLied vorspiele.
»Sie reisen demnach hoffentlich, sagte Wvrble,als Sittenlehrer und Hvfprediger mit und arbei-ten am Manne und stellen ihn her?"—WiderErwarten brachte der Prediger starke Redenklich-keiten zum Vorschein, die Züchtlingo seines Kirch-sprengels hintan zu setzen, da eS größere Pflichtsei, Bösewichtern geistlich beizuspringen, als blosenWahnsinnigen — wiewohl er oft die Polizei-Zuchthäusler und TollhäuSler unter Ein Dach ge-bracht — ; indeß setzt' er diesen Bedenklichkeitenwieder seinen unschuldigen Wunsch entgegen (undschwächte jene damit genug), auf einige Reisen zugehen, um vielleicht sowohl seinem beschwerlichenFettwerden, als seinem immerwährenden Geist-anspannen einigen Einhalt zu thun.
Als ihm Worble diese Ausleerung der Fett-zellen und der Gehirnkammern recht ernstlich an-rieth, und ihn daran erinnerte, wie oft er ihmselber vorgeklagt, daß er für die Kanzel seinerKirche (zumal bei heftigen Nutzanwendungen)endlich zu dick und feist werde, so wie sein Ring-finger für den Ehering, auf dessen Durchfeilen ersich ungern vorbereite: so versetzte Süptitz wie-derum : »Wahr genug! — Inzwischen erklär' ichhieuiit, lieber bleibe ich daheim, eh' ein Reisegeldmich bestimmen so», unterwegs den Herrn Apo-theker für einen Fürsten auszugeben; höchstens et-wa» werd' ich seinem Eigennamen Marggraf,nach der Weise der Süddeutschen, den Artikel vor-setzen und bei den Leuten sagen: der Marggraf."
Dem Frohauf Süptitz — den Worble ein le-bendiges kro-contra oder Fürwider hieß — ver-setzte Nenovanz, um gleichfalls abzustimmen: »Ichwill bersten, thu' ich auch nur dies, gesetzternähme immerhin mich unter der lästigen Bedin-gung mit, ohne welche ich nach dem Testamentemeines Vaters ohnehin nicht verreisen darf."
»O, sagte Libelle, Ihren phantastischen Bruderpackt er so gern mit auf, als Sie; was ist dem när-rischen Verschwender jetzo ein Narr mehr oderweniger?"
— — Der gute Leser, für den ich ja allesthue, und für welchen allein (und für niemandanders) ich eine so lange Geschichte ausarbeite,soll wahrhaftig nächstens das Kapitel, worin überden Bruder des Malers der vollständigste Auf-schluß gegeben wird, in die Hand bekomme». Nurjetzo muß vor allen Dingen fortgefahren wer-den.
»O meinethalben !" fuhr Renovanz fort—»Ma-ler aber haben von jeher sich nach keinem Fürstengefügt—Holbeine und andere haben vor Königen,die sie malten, Tabak geraucht — Tizians habensich von Kaisern, die nur zusahen, Pinsel aufhebenund zulangen lassen.— Und dabei waren dies nochFürsten von Geburt und Geblüt. .... Wasgibts aber hier an ächter Fürstlichkeit für einenKünstler ? — Ohnehin hoff' ich unterwegs demHerrn Apotheker wohl wesentlichere Dienste, alsjene Künstler ihren Fürsten — denn malen
Sean V-ui'S Werke. !V.
werd' ich ihn überdies noch oft genug müssen —zu leisten, wen» ick, da er doch jetzo sich als Fürstnoch mehr, denn sonst als Hunde - Apotheker, füreinen Kenner der Malerei wird ausgeben wollen,mit Leu nöthigsten Kunsturtheilen aushelfe, die eri» den verschiedenen Kunstsammlungen, die er be-sieht, zu fällen bat. Ich dacht' wenigstens."
»So denkt doch, unterbrach Libette, jeder nuran sich, keiner an meinen Bruder." —»Mich neh-men Sie aus, versetzte der Maler, denn nachmeinem Urtheile soll er gar keinen Tritt aus Romversuchen. Er muß als Meute captai», als Ini-Vveille, als veritabler Narr seinen Vormundund Kurator bekommen, der sein Vermöge» be-wacht — man könnt' ihn sogar für einen Ver-chwender erklären." —
Da stimmte Worble ab, und fuhr auf: »Wieein Mann, der, wie eine Harnblase, jeden MonatSteine erzeugen kann, und zwar die edelsten, dersoll kurz gehalten werden? Einen lebendigenDiamantbrnch, ein ganzes europäisches Brasilienim Kleinen, das uns wenigstens Westindieusdiamantne Ketten zerbröckeln könnte, will manaufhalten in seiner Arbeit? — Beim Teufel!wenn er sich nun von heute an hinsetzte und nichtsmachte ? — Oder soll er mit seinem Glänze indiesem modrigen Neste verschimmeln, sich wie eineFackeldistel in der Wüste abblühen ? — Meinet-wegen halt' er sich für die heilige Pforte oderfür den heiligen Stuhl: ich werd' ihn, gemäß demRange in seinem Kopfe, anreden, und wenn ersich für den Beherrscher von Darfur in Afrika an-sehen wollte, der hochtrabend genug (*) sich denOchsen, den Sohn eines Ochsen, den Ochsen allerOchsen schreibt: ich würde meine bisherige Duz-brüderschaft mit ihm ohne Anstand fahren lassenund ihm seine Titel geben. — Der Henker ! dortkommen ja eben Seine Durchlaucht mit einemneuen Wage» und Kutscher herab gefahren, undStoß steht hinten auf."
Er wars in der That.
Zwei Schwestern, welche blos für einen Kopf-putz Kopf genug hatten, gaben in der Eile nurdie kurzen Stimmen ab, daß es für die Ehre derMarggrafschen Familie allerdings am gerathen,sten sei, wenn ihr verrückter Bruder ihnen undder Stadt keine Schande mache, sondern in derFremde sei» Wesen treibe.-»Ho, ho, » ver-
setzte Libette, »mich laßt nur mit. Und sollt' ichi» ein Paar Hosen und Stiefeln hineinfahren undals die einzige Frau unter dem Männergesindelmitlaufen:—(hier nickte Worble recht beifälligund sagte: »»göttlich») so soll mein guter blin-der Bruder nicht ohne eine gescheite Schwesterherumreisen, die ein Bischen auf ihn sieht; den«es gibt gar manche Schelme unterwegs, HerrWorble! »
Eben trat der Apotheker ein; leichter, ruhigerAnstand, verbindlichstes Lächeln, eine gewisse Würdeverkündigten den Fürsten. »Zhro Durchlauchthaben wir, hob Worble an, sämmtlich in cor-pore unsern Dank darbringen wollen; auch ha-ben wir vorher eine heutige leichte Sitzung überdas Mitreisen gehalten, von welcher ich Ihnen
(*) Vrowii's Reisen in Afrika.
71