Band 
IV.
JPEG-Download
 

Der Komet

563

>

zurückgelassen, wäre einer im Zuchthause da gewe-sen; znm Glück aber war ihr Zuchthausvsrwalterselber keiner, sondern hatte diese tinveas corpus-Akte für diese armen Inkorporierten bestätigt undwar mit ihnen als Räuberhauptmann davon ge-gangen. Es ist noch nicht historisch ausgemittelt,ob zu dieser Aufhebung der Selberleibeigenschaft,nämlich zu diesem Stürmen der Bastille von innenheraus , nicht das damalige französische von außenhinein, die Schelme hauptsächlich bewogen hat.Der Leser erinnere sich nur— was er ohne seinengrößten Schaden nie vergessen kann — daß die ge-genwärtige Geschichte, die er hier aus mir, aus derQuelle, zu schöpfen hat, gerade im Anfang derfranzösischen Revvluzivn vorgefallen. Das Dieb-gesindel fand sich ja von seinen Obern eben so ge-bunden und gedrückt, wie Frankreich, ja es hieltsogar mit einigen Frankreichern (die ich aber fürdamalige Lrnigr^ halte, welche sich in der galli-schen Kreuzschule selber vsninin oxsuncki gegeben)die Marmorsäge gemeinschaftlich ander Hand. Da-von aber anderswo! Wichtiger ist für uns der Um-stand, daß die Zuchtleute ihre kleine BastiUe nichtsowohl abgebrochen, als angezündet» Dieß hatteden für unsere Geschichte kaum zu berechnendenErfolg, daß mit dem Zuchthause, auch reffen Kirchein Rauch aufging, und dadurch unser Süptitz weitlängere Ferien überkam, als auf der UniversitätCvimbra gegeben weroen, wo sie jährlich nur achtMonate Lauern. Denn jetzo konnte er Jahre langabwarten, bis die Stadt den Schasstall und die da-zu nöthigen Böcke für den Seelenhirten wieder zusammen brachte, besonders da Rom vielmehr sichtausend Glück dazu wünschte, daß die Kirchgängerdie Mühen und Kosten eines Selber-Schubs unauf-gefodert übernommen» Kleinere Sünder und ehr-liche Schelme aus der Stadt, die sonst auch in derZuchthauskirche hospitiert hatten, konnten künftigin anständigern Kirchen bekehrt und gebessert wer-den, in der Sladtkirche, in der Schloßkirche, inder katholischen.

Kurz, der Zuchthausprediger Frohauf Süptitzwurde Hofprediger des Apothekers, und nahm Rufund Reisepaß an, was eben zu erweisen war undLeu Lesern frühzeitig zu erzählen .....

Wir sind nun wieder ins Zimmer zurück, wo,wie gedacht, gesessen und gestimmt wurde. — DerFürst hob endlich die Sitzung auf. entließ aberjeden mit solchen aufrichtig gemeinten Anerbietun-gen jeder Fürsorgen, mit solchen herzlichen Aus-drücken seiner Hoffnung, ihnen allen und wer etwanoch sich anreihen würde, den Reiseweg durch lau-ter Freuden zu verkürzen, daß seiner SchwesterLibette ordentlich Thränen in die Auge» tratenüber sein gutes Herz und seinen kranken Kopf,und sie ganz verdrüßlich die Reisegesellschaften an-sah, welchen jenes und dieses etwas eintragen sollte.

Nach der Entfernung der Mitreiser befahl Li-bette ihren Schwestern, aus dem Zsmmer zu gehen,weil siech» gut etwas zu sagen habe als jeder; dennder rortragende Rath Worble hatte sie (er wolltemithin mehr als gewöhnlich zart erscheinen) inseinem Stimmen - Protokoll ganz ausgelassen.»Bruder —fing sie an — denn Eine Mutter wer- !den wir Gottlob doch haben — ich will mitreisen; !höre mich aber aus." Jetzo stellte sie ihm — sie

konnte eine Schwester - Red.nerin, ja eine Kanzel-rednerin sei» — mit sanftem Nachdruck vor, wiesie bisher am meisten für ihn gesorgt, sowohl fürseine Pflege, als für seine Freude, und wie sie, obman sie gleich den wilden rauschenden Ruprechtnenne, doch ihn immer so weich auf den Händenund Fingern getragen wie ein Grasmücken - Eisie fragte ihn, wer wohl seine Bedürfnisse undNöthen und Süchteleien besser kenne, als sie auSeinem langen Beisammenleben — („das werd' ichhart empfinden, sagt' er dazwischen, aber stark er-tragen"); — sie bat ihn, selber zu entscheiden, obes nicht gut sei, wenn ein auch nur von WeitemBlutverwandter sich seiner und seiner Gelder einwenig annehme gegen blutfremdes, durstiges Hof-gesinde!, das eine» Zapfhahn nach dem andern inihn stechen und einbohren werde. — „Sie mögenstehlen, sagt' er, ich mache einen Diamanten undbleibe vergnügt." — „Und vergnügt, mein Bru-der?" — erwiederte sie, und faltete die Hände,und blickte zu ihm starr mit solche» liebewarmen,liebefeuchten Augen hinan, daß seine selber trübewurden, und er mit beide» Händen ihre gefalte-ten lange umschloß, eh' er sich endlich zur Frageverfügte: „Ob es aber je die Delikatesse des Ge-schlechts erlaube, daß eine Dame, als die einzige,unter lauter Männern sei, gleichsam eins Blumeim Forste; hier besonders sitze der Hauptknvten."—»Wenn er nur da sitzt, so gibts noch Trost in derWelt, versetzte sie, ich werde Dein Hofnarr, HerrMarggrak, und habe Hosen an, und sage Du zuDir, wie zu allen Deinen andern Narren! Ihrnennt mich ja ohnehin immer den Tvroler Wa-ffel."

Eine kühne Frau erräth selten ein Mann; dennihre Mißgriffe, wie ihre Griffe, fahren über denKreis der Klugheit hinaus. — Mit dieser unvor-hergesehenen Kleidung und Rolle halte sie dasschon lange stehende Heer von MarggrafifchenEinwendungen auf einmal zerschlagen; es flohenalle Einwendungen ihres Geschlechtes — ihrerbürgerlichen Abkunft — ihres lustigen, mannhaf-ten Poltertons — einiger Umbildung — und desDu; und er nahm ihre Mitreise an, und umso leichter, dn sogar Hofnärrinnen von fürst-lichem Geblütan großen Höfen, bemerkte er, nichtsUnerhörtes seien (*). Nur wurde ausgemacht,daß sie einige Tage vor ihm sich aus der Apothekeverliere» und dann in Tracht eines Tyrolers sichzu ihm finden sollte, damit nicht einmal seineFreunde, geschweige ein Anderer in seinem Gefol-ge, je erriethen, wer sie wäre. Sie versprach esihm um so leichter, da sie es den Freunden sagen,und sie um Blind - und Stummsein bitten wollte.

-Aber welche rüstige Eile der Reiseanstal-ten! Marggraf wäre noch lieber aus Rom geflo-gen als gefahren: und einen solchen Schwanger»-Ekel, eine solche Wasserscheu emvfand - er vor derStadt, die ibu so lange für einen Bürgersobn,für einen Uebsrgeschnappten, ja neuerdings füreinen Spitzbuben, angesehen, daß er nicht einmaldie Freude kosten wollte, etwa» eine oder die an-

(*) Z. B. als die Kaiserin Katharina 1717 nach Ber-lin abginh, nahm sie die Fürstin Gattinn als Hofnärrioan und mit.