Band 
IV.
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Der Komet

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Welch eine» ganz andern Anblick gewährt einsolches neues Nikolopvlis, das jede» schon be-wohnt, ich meine, welche» ganz andern Anblickgegen jene gemalten bloßen Dorf - t'aoacten Po-temkins, an denen alles blind war, nicht blos Fen-ster, sondern auch Mauer, und auf welche doch(nach Kotzebue) der Feldherr die große Katharina,auf ihrer Reise durch Tanrieu, von der Landstraßeherab aus der Ferne sehen ließ! Bei Katharinawar alles nur Schein, hier blos Wahrheit!

Das Nestdenzzimmer des Fürsten war »ach derVollendung geräumig genug, daß eS den, Fürstennnd den Tisch und die vier Herren vom Hof, Rich-ter, Worble, Süptitz und Renovanz, die darinspeisen sollten — ihre Dienerhäuser wurden wäh.rend der Tafel gar ausgebaut — gut fasst» konnte.Ueber den» Speisen äußerte der Fürst: „Ich glaube,ich so wie das Publikum kann mit meinem erstenTage, und mit dein was ich da vollführt, zufriedensei». Mein neues Nikolopvlis mag von andernStädten zwar leicht an Größe übertreffen werden,aber an nettem Glanz und Geschmack wohl schwer-lich, und doch wird eS mir ganz anders damit ge-lingen, wenn ich vollends daS nächstemal mehrZeit gewinne und die Residenz völlig ausbaue;denn Anstalten, Baumaterialien, Bauriffe undalle Vorarbeiten dazu sind schon vollendet." Ermeinte damit das, was von der Stadt »och wag-rechl auf den Wagen geladen war. Er hätte gernein Lob aus den vier Hofherren heraus gequetscht,aber niemand als der Marschall fiel ein: »Ich er-innere mich hier mit Vergnügen, wie Sie einmalin Leipzig, wo ich die Gnade hatte, ihr Gouver-neur zu sein, gegen mich im Theater geäußert, daßSie sich unbeschreiblich in die hohen Palläste hin-ein sehnten, welche damal eine lang aufwärts stei-gend« Straße hinaufstanden, die sehr gut vomTheatermaler gemacht und gehalten war. Durch-laucht wollten mit der Phantasie ordentlich dieEinwohner darin besuchen und mit ihnen ausden gemalten Fenstern sehen. Auch mir kam ähn-liche Lust an. Aber ist dergleichen nicht mehr alserfüllt, durch die herrlichen NikolopolitanischenZimmer der Hermitage, worin man in der Thatund Wahrheit ja eben ist nnd ißt« ?"

»Und doch, versetzte Nikolaus, fang' ich nurgleichsam mit einem hölzerne» Rom an — ichmeine nicht Las holzige kleine in Hohengeis, son-dern das große in Italien —aber ich endige, gelisbtsGott, mit einem marmornen, wie jener bekannteRömer, — Jedoch glauben Sie mir, meine wer-then Freunde, ich achte all dieses Leblose und viel-leicht Glänzende, was ich heute zu Stande gebracht,unendlich gering gegen das größte Doppel-Glück,Las ein Fürst nur erobern kann, nämlich gleichFriedrich dem Großen einige Menschen mehr inden Staat gezogen, wie ick heute den Bau-Direk-tor, und, da bei mir alle Religionen freie Uebun-gen haben sollen, auch ein paar Juden zum Wei-terreisen gewonnen zu haben. Auch hab' ich wohlschon unterwegs an meinem ersten Reisetag nichtwie TituS einen Tag verloren, indem ich daraus

einen frohen für manche Dürftige gemacht..

Ach sehen Sie doch. bei Gott! die allgemeineFreude draußen, wie alles zu den Fenstern hereinschauet» beinahe das halbe Dorf, und wie drüben

in der Laube alles tanzt und jubelt; denn Bierhab' ich sowohl meinen Leuten als den Liebenatternhinlänglich reichen lassen."

Und da er jetzo gegen die Fenster grüßte, undihn vielleicht LieHereinschauer vernommen hatten:so erscholl ein weites Lebehoch von den Fensterglä-sern an bis zum fernsten Biergläschen in Libenauhinab. Nun hob der Fürstaxotheker die Tafelauf und »lachte eine schwache Verbeugung gegendie Herren, zum Zeichen abzugehen.

Wie gern hält' ihm aber der Kandidat die Handzur guten Nacht gedrückt, wäre nicht der AbstandLeS Standes zu breit gewesen.

Aber wie würde der Kandidat sich erst diesenAbend noch in ihn hinein geliebt haben, wenn ergewußt hätte, was Nikolaus sofort nach dem Ab-gänge der Herren gethan! Denn ihm würde,wie ich ihn kenne, der wohlwollende, obgleich über-flalternde Fürst, der wie der Vogel Strauß anseinen Flügeln selber wieder Stachel» trug, »msich zum Fluge zu spornen, ei» Mann znm Herz-andrücken dadurch geworden sei», daß er so spätabends das menschenfreundlichste Herz mit allenIrrthümern noch gegen ei» nngekannteS wandte,und das TeMpelchen seiner Amanda aufmachte, umdie lang entbehrte Geliebte wieder zu sehen, »iidunter ihre» Augen das folgende Briefchen an siezu schreiben.

»Wie hold und fest Du mich wieder anblickst,Amanda! mit den stillen blauen Augen, still wiedas Himmelblau! — Siehe, endlich bin ich aufder heiligen Wallfahrt zu Dir, und das Herz, dasDich von Jugend auf fromm in sich getragen, wirdDir endlich nahe gebracht. Bin ich doch tausend-mal seliger als hundert meines Gleichen, welche dieDimplomatie verheirathet und welche von der auf-gezwungcnen Prinzessin nichts vorher zu Gesichtbekommen als ein flaches Portrait, das noch dazumit Farben lügt; denn ich habe täglich Deinevolle treue Wachsgestalt um mich, und an ihr istlauter Wahrheit und alle ihre Schönheiten hastDu selber; ja sogar die neue» unerwarteten,womit seitdem die Zeit Dich wie eine Blumeüberhüllte. — Roch duften die Orangenblüten,die Du für mich fallen lassen, mir den alten niewelken Lenz Einer Viertelstunde zurück, und ob-gleich von Deiner Harmonikastimme nur wenigeWorte aus dem Park in mein Herz eingeflogen,singen doch diese Nachtigallen in meinem Inner-sten unaufhörlich, und Deine Stimme versteckt sichals eine Echo überall in alle Ruinen meinesLebens und ruft mir, ach so lieb! O du Stimme!— Könnt' ich Dir nur, Amanda, aussprechen,wie oft ich mir unser künftiges Zusammenfindenvorgemalt, und zwar jedesmal ein schöneres.Aber wahrscheinlich würdest Du mich nicht sogleicywieder erkennen, da an dem jungen entzückte»Gesichte, das Du im Parke bei einem einzigen Be-> gegnen in Dein Auge aufgenommen, daS Lebengar so manches durchstrichen hat, oder doch ent-färbt. — Aber gewiß werd' ich mich wieder inmeine Vorjugend zurück leben, und da, wo jetzoweiße Rosen stehen, werden rothe auch wieder auf-brechen — und Amanda, Du wirst mich glühensehen.