Band 
IV.
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Der Komet.

579

Da meine Reise gleich am ersten Tage so anfing,Laß ich fast jede Stunde um die andere einigeMenschen beglücken oder doch erfreuen konnte;so werd' ich schon so herrlich alle Tage in Freudenleben, daß ich wieder ein verjüngter Zünglingwerde, und die Wunden, ja die Narben aus Romverliere. — Wie.würdest Du heute froh sein» un-ter den Frohgemackten riugS um Dich her! —— Bis jetzo pflückt' ich von dem Throne nur dieFreuden ab; v! wenn es >Dir leider auf demDeinigen anders ginge, wie möcht' ich fliegen, umDir über den kleinsten Schmerz, womit Dich dieKrone wund drückt, weichen Verband zu legen. —Wie füll' ich mir die Brust mit den Frühlinglüf-ten, welche um Dich geflattert haben, und die nunmich umschließen! Glaube mir, ichgehe eine» langenWeg zu Dir, und die Sehnsucht dehnet jedeStunde aus, aber ich werde doch nicht müde aufihm, da der Rsisewagen vielleicht manche rode An-hängsel von mir abrüttelt, oder da (darf ich einesehr schmeichelhafte Wendung meines Reifemar-schalls gebrauche») da« Wagenrad gleichsam dasSchleifrad werden,kann, welches dem Diamantensonst die Glanz-Facette einschneidet. — Ach, aufmeine Flecken und dunkle Stellen dreh' ich zuleicht und schmerzend mein Auge; doch ein Licht-punkt blinkt wie Diamantfeuer an mir, die Liebezu Dir.

Hätt' ich nur Eine Seele, in die ich ganz freiLiebe und Seufzer für Dich warm und heiß hinüberbauchen dürfte, und für welche die warmzitterndeBrust unddaS thränenzitternde Auge eines Mannesein recht ernster underquicklicherAnblick wäre!—Al-lein diesesGlück fällt überhaupt den Männern weni-ger zu, als den Frauen, von welchen keine weiß, wiedas stumme Einkerkern der Liebe drückt und schmerzt,indem jede eine zarte Freundin findet, vor welchersie mit ihren feurigsten Geständnissen nicht lächer-lich erscheint; der Mann hingegen schämet sich fastseines Herzens vor dem Mann. — Leider konnt'ich aus Rom, aus der Pflanzstadt meines Gefol-ges, keinen Glücklichen um mich bekommen, mitwelchem ich unaufhörlich von Dir und mir spre-chen könnte. Ueberhaupt decken die Romer dortnicht das Herz mit Brustknvchen zu, und mit al-len Westen und Rockklappen; und ich verdenk' esdaher denen, die ich mitgenommen, nicht im Ge-ringsten, wenn ich mich noch nicht vor sie, die michbisher in meinen Bewegungen mehr als Mann,denn als Jüngling zu sehen gewohnt, mit demganzen begeisterten Schlagen und Glühen einerJuzendbrust stellen darf.

Sie find doch gut, die Guten!

Auch wird mir schon der Allliebende auf derlangen Reise irgend einen recht herrliche» Men-schen entgegen führen, der die Liebe selber ist, unddem ich alles sagen kann in lauter Strömen, sodaß er am Ende fast so warm zu lieben weiß, alswar' er ich selber.

Wie herrlichist es,daß ich Dirnichtnur schon heute(und am Frühlinganfang) sondern auch zuerst ausmeiner Stadt Nikolopvlis schreibe, die ich vor we-nigen Stunden erbauen ließ, was deren Anfangoder Mitte anbelangt.

Vor der nächsten Stadt soll schon mehr vonder meinigen fertig gebracht werden; der Grund-

stein oder vielmehr ein schönes Bret ist doch ge-legt.

Sollte wohl der heutige Wagen mit hohen Da-men mir vorfahren und zu Dir gehen? Ichhoffe aber wirklich zu viel. Und doch wie uner-wartet schon fügt sich nicht alle«,daß ich meine ersteStarr, gerade wie meinen ersten Brief, bei L i e-benau mache? — Die so rührende LiebenanerGlocke schlägt eben meinen ersten Lenztag aus,uuddie erste Morgenminute des zweiten schimmertschon an den Hellern Sternen.

Dein

Nikolau s."

Nikolopvlis bei Licbenan.

Des Frühlings Anfang.

Hierauf faltete er den englischen, von aufgepreß-ten Herzen und Blumen geränderten Briefbogenrichtig zusammen, schob ihn in einen schon ge-leimten himmelblauen Umschlag hinein, und setzteSiegel und Ueberschrift darauf ...... Ich seh'

ihn noch sitzen, aber wahrlich ich nehme Antheilan ihm, nämlich an seinem Lieben. Macht ihrLeser doch nicht zu meinem Erstaunen eine» sogar gewaltigen Unterschied, daß er das stummekühle Wachs vor sich hat, und kein organischeswarmes Körxerbild, als ob a» sich dieses geistigerwäre, oder das geliebte Ich in diesem anderswoangeschaut würde, als im liebenden! Warumdankt ihr nicht lieber Gott jedesmal, wenn einMensch nur etwas zu lieben bekommt, werd' erauch nicht auf der Stelle wieder geliebt, oder nie.mals? In eigner Liebe wohnt schon die fremde;und Nikolaus kann auf den wächsernen Flügelneines Bildes hoch genug seiner warmen Sonnezufliegen; ihre Stralen werden ihn vorher langedurchwärmen, bevor sie etwas von seinen Federnabschmelzen. — Hätte damals der Kandidat Rich-ter um alles gewußt, wie später: er würde diewächserne Amanda weit über die hölzerne Char-lotte jenes französischen Marquis gehoben haben.Der Marquis ließ nämlich von seiner verstorbnenBraut aus dem kostbarsten Holze ein beweglichesNachbild verfertige» — kleidete es jedes Viertel-jahr nach der Mode — versah es sogar mit einemNachtkleide, — mit Essen ohnehin — und mitzwei Auswärterinnen — ließ es bald Gold zu-pfen, bald Bücher lesen — am Sterbetage derwirklichen Charlotte ließ er es weiß verschleiern,und an seinem eignen, nach neunzehn Jahren,solches in Tvdtenkleidern zu sich in die Gruft derwahre» Braut begraben (*). Aber wie andersund schöner lebt es sich mit der Gestalt einerkünftigen Braut, als mit dem Wiekerschei» einerverstorbenen! Uns sollte dabei höchstens dieseswundern, daß dem Bräutigam nicht geradezu dastäuschende Abbild unter seinen Blicken im Schrei.

(*) MchreS gehe IN Abwechselungen. Hannover, s

Gebrüder Hahn. isiv. >