Band 
IV.
JPEG-Download
 

Der Komet.

589

Dies aber hatte Worble schon bedacht. Er unddie Kraftschwester Libelle ginge» — da in Rommit Geld, nämlich mit vielem, alles z» machenwar, folglich auch das Menschentitelblatk: Paßgenannt — in das Polizsiamt, und legten dasärztliche Zeugniß vom dasigen Hundedoktvrvor, daß der Apotheker durch eine» plötzlichenGlückwechsel übergeschnappt sei, und sich für nichtsGeringeres halte, als für eine» Landesherr», unddeshalb auf Reisen gehe, sich das Land zu suchen.So wurde denn ein vollkommener Paß ausgewirktund eingekauft, worin man höher» OrkS alle Be-hörden ersuchte, den Apotheker Nikolaus Marg-graf aus Rom, welchen H. D. Peter Worble alssein Arzt und Aufseher zur Herstellung feiner ge-schwächten Verstandes - Kräfte auf Reisen durchDeutschland herumführe, ungehindert paß-undrepassieren zu lasse». Als besonderes Signale-ment im Passe wurde verständig angeführt, daßangeregter Apotheker, seinem Glauben an fürst-liche Abstammung zufolge, sich in allen Städtenfür einen Grafen von Hasenkvpf vder Hacencvppen,um sich ein sogenanntes Inkognito anzumaßen,ausgeben und LaS Pitlschaft des Geschlechts derHasenköpfe, als sei es nicht ausgestorben, deshalbverwesten werde.

Ehe wir mit den Pässen nur drei Schritte wei-ter ziehen, muß die Anmerkung gemacht werden,daß der Hundedoklor und der Neisemarschall nichtim Geringsten als Erzspitzbuben bei der Sacheverfuhren. Der Doktor hatte bei jenem berühm-ten Kirmeß-und Diamantengastmahl dieDoktor-seelenwanderung und Heilhut-Metastase vonWorble zu Marggraf aus dieses Munde selbererfahren; ohnehin konnte der altbefreundeteMarschall, auch schon ohne offizinelleu Hut, inseinem blosen hellen Kopfe als Heilkünstler deswarmen Nikolaus gelten.

Das Antedatieren des Hacencopxen anlangend,so wußte der Marschall, der ihn ssbr oft dasPitlschaft sehe» lassen, recht entschieden, daß eribn zur Wahl eines solchen Inkognitos — in Er-mangelung eines bessern — zuni.,1 nahe vor denMauern einer Residenzstadt, bereden und bezwin-gen werde.

Ich frage überhaupt die ganze Welt, wie wares denn anders zu machen, um Nikolaus durchdie Städte zu bringen? And was mich dabeifreuen muß, ist, daß sogar Libelle, die Schwe-ster, in alles einging, ja in manchem vorauS-g'-ng. — Gleichwohl übrigens, wenn ich hier denPaß wieder überlaufe, den ich eben zum Abschrei-ben vor mir ausgebreitet, und nun darin dentrauenden Nikolaus nicht als Regenten, sondernals Paziente» Wvrble's finden muß, kann ich michdoch nicht enthalten auszurufen: "Ach, ihr armenumsponnenen Fürsten-' — Wahrlich ihr täuschtselten so stark und so oft, als ihr getäuscht wer-det, und Mißtraue» ist euch, nach so vielen Er-fahrungen, ordentlich mehr anzurathen, als Ver-trauen, sogar sehr und oft wird, wie ich nur zugut sehe, eure Tbronspitze in der Ferne oon lau.ter Luftspiegelungen umzogen, und in der Nähevon Lerchenspiegeln und Spiegelgarnen umsteckt,und jeder Stammbaum streckt da Leimrulhen alsZweige aus!"

Noch denselben Abend brachte Worble auf.derPokizeistube in Lukas-Stadt alles mit den Pässenins Reine, und sie wurde» lachend unterschrieben.Es kann sein, daß er dieser Schnelle ein wenigmit geränderten Goldstücken nachgeholfen, die alseingezackle Minutenräder Vortheilhaft einzusetzensind; aber die Hauptlache ist doch diese: damalshatte sich Napoleon noch nicht als deutsche Feuer-fäule (im Kriege) und als deutsche Wvlkensäule(im Frieden) auf den Weg gemacht, und unsallen gezeigt und geboten, was zu thun und waszu lassen, besonders in Pässen; und in jener vor-buonapartischen Zeit konnte jeder leichter und un-gehinderter in fremden Ländern, ohne alles Signa-lement, wie ein ehrlicher Mann aussehen, alsjetzo im eignen Lande mit einem Paffe <?).

Desto besser, sag' ich, und man erlaube mir zumBeweise davon nur

ein kurzes schwaches Lob der jetzi-gen höhern Paßwissenschaft.

DaS Lob läuft am Ende auf weiter nichts hin-aus, als baß sie die menschliche Würde mehr an-erkennt und groß schreibt, und den ehrlichenMann leserlicher stempelt, als früher geschehen. !

Sonst konnte jeder auf Reisen mit einemScheint verwechselt werden, weil er keinen voll-ständig bestimmenden Zettel — wie doch schonschlecht gemalte Figuren einen im Maule — in Hän-den hatte, worauf stand, was er war; der Passa-gier war ein Arzeneiglas, eine Weinflasche ohneangebundenen Zettel, und niemand über derGränze wußte voraus, was er zu sich nahm. Jctzoaber unterscheide z. B. ich mich auswärts vonsämmtlichen Spitzbuben in der Welt, denn ichzeige meinen gestempelten Papier-Paß vor, worin(außer meiner Handschrift) steht, daß ich fünf Fußund zehn Zoll lang habe, neun und fünfzig Jahrealt, in Wunsiedel geboren rc., daß meine Stirnebreit und hoch ist, und mein Mund klein. Oderläßt es sich nur träumen, daß es gerade einen Spitz-buben geben könnte, auf welche» alles von mir sopaffste, daß wir einander deckten, wie geometrisch-gleiche Figuren, oder in einander eingriffen, wieKerbhölzer? — Unmöglich l — Sogar meinenächsten Nachahmer und Diebe würde meinPaß so sehr ich auch Swift und Sterne nachge-ahmt und bestohlcn, auf der Stelle unterscheidenvon mir.

Und dies ist eben der unschätzbare Vorzug einesheutigen Passes, daß er eine wahre Monogra-phie eines Einzelwesens liefert, auf einem ein-zigen Folioblatt; und ich wüßte nicht, womit siesonst zu ersetzen wäre, am allerwenigsten mit demGrabschriftpaß auf dem dicken Marmor, der nur andas Inland, mcht an das Ausland lautet, wohinder Paßinhaber abreist.

(*) Z. B. wer mitten aus Baicrn in Baicrn umher-reiset, muß doch in jeder zweiten, dritten Kreisstadtseinen Paß so gut, wie in einem fremden Lande, oine-rcn, und unterschreiben lassen. Allerdings wär' eswohl weiter zu treiben und Paßvorzcigcn in jedem Dorfe,ja in jeder Vorstadt, zu verlangen; aber man will,scheint es, Ehrgefühl schonen, und daher lieber Rccht-schaffcnhcit voraussetzen, präslimicrcil, fingieren, wie Ju-risten täglich thun.