Band 
IV.
JPEG-Download
 

600

Der Komet

ber zum Beschreibe» erlebe, sauer genug werden,seinen Entzückungen dabei mit dem Pinsel nachzu-kommen. — „.Ivan," sagte er, und kehrte sich ge-gen Stoß, »Du erscheinst heute Abend früher undziehst mich aus." — "Ausziehen, Seine Durch-laucht? — Ja !" versetzte dieser; denn er wieder-holie jeden Befehl fragend, und fügte dann spätsein Ja bei, ->!- ob er etwas dagegen zu erinnernhätte, in Wahrheit aber, weil er das Vergnügendes Gehorchens recht durchschmecken wollte.

Als eben ein paar vorbeigehende Mädchen denReifemarschall recht aufmerksam ansahen, als obsie sagen wollten: "ist daS nicht der Spitzbube, derarge Nebelstern oder Irrster» am Morgen?" —und als der Stößer auf einmal rief: "alle üiable!drunten kommt der verfluchte ewige Jude in sei-nen, Lederhabit und sieht uns:" so verfügte sichdas ganze Gefolge in oe» Gasthof zui» römischenHofe hinein. —

Unter dem ewigen Juden hatte Stoß den selt-samen Mann gemeint, der am Morgen, ganz inLeder gekleidet, sich vor dem Grafen den Fürstender Welt genannt.

Dritter Gang.

Abendessen — Stiefelknecht — und Stoß.

Es kommt darauf an, ob eine Dienerschaft liebereinem vornehmen Herrn in die Seele sehen will,oder lieber einer vornehmen Frau. In jenemFalle helfe sie auskl ei den , in diesem ankle i -Den. Um mit,der Kammeriungfer anzufangen:so entschleiert sich ihr die Seele der Gebieterin mitjeder Hülle, womit sie den Körper einschleiert, undjedes Putzstück, besonders die Art, es anzulegen,die Eile und die Weile dabei, ist ein durchsichtigerFenstervorhang, oder Jalousiefenster des Innernder Frau; so daß ich jede Schmucknadel (wasjede Stecknadel auch ist) eine Magnetnadel nen-nen kann, welche die Herzpole zeigt. — Kurz, dieKammerjungfer kann unter den. Heften, Falzenund Einbinden deS anziehenden weiblichen Buchsbequem in die Blätter selber hinein blicken, undhat noch dazu an den Nachrichten für die Buch-binderin (sie sind nur halb so dick, als das Werkselber) genug zu lesen und zu ersehen.

So zeigt ihr denn die Dame bei dem Anklei-den sich und alles Innere, worin die Jungfer,wenn eS auf mein Wünschen ankäme, nicht zuwei.len sollte Uebermuth und Unmuth, Reiz und Ge.fallsucht, und Härte und Kleinlichkeit antreffenkönnen. Inzwischen muß ichS dennoch glauben,wenn sogar eifrigste Verehrer hoher Damen michversicherten, sie sähen lieber eine in der Bade-wanne (sie zeigte weniger Fehler) als vor demWaschnapf, oder mitten unter allen Schönheit-wassern. Ich will leichter ein Held vor dem Kam-merdiener sein, als eine Heldin vor der Kammer-frau.

Hingegen das Auskleiden in der Nachniit-

ternacht wirft nur wenig Psychisches ab für eineJungfer, zumal wenn man die Eilfertigkeit derDame bedenkt, die sich kaum so viele Viertelstun-den zum Entpuppen nimmt, als sie vorher Stun-den zum Verpuppen gebrauchte, und besondersbei dem Nachlräume» der Vergangenheit, gekettetan ein Verträumen der Zukunft (woran ich garnicht einmal gedacht) — bei solchen Umständen, wodie Dame nichts sucht als ihr Bett, ist wenig zuerfahren, als bis sie wieder aus diesem herausist,

Ganz ' anders der vornehme Herr! Dieserkommt mit vollem Herzen und vollem Kopfs nachHause, und hat des Tages Laste» und Freudenüberstanden, und spricht, zumal wenn ers noch

kann, lieber ein Wort zu viel, als zu wenig.-

Dieses kann der Kammerdiener auffange», und soLeib und Seele miteinander enthüllen, zumal dabei unserem Geschlechte Auskleiden nicht viel kür-zer dauert als Ankleiden.

Weder das I-evev „och das lloueker des Fürst-apothekers bestand bisher aus den vielen gewöhn-liche» dienstthuenden Kammerherren und Leibpa-gen andererFürsten—hierin hielt Hacencoppen mitandern Monarchen gar keine Vergleichung auS —sondern alles war und that der Stößer Stoß miteinigem Stolz. Desto erfreuter war er, daß erbald kommen und sich viel früher hinstellen durfteals den Stiefelknecht.

Vorher speiste man, und der Tafel - und Salon- ^Knecht, der Wirth, trug mit dem Suppennapfezugleich die Bitte der einen unten trinkenden Ma- !lerschule, der belgischen, vor: "Herr Graf vonHacencoppen möchte die Stunden Dero Sitzensanberaumen, je bälder, je lieber, denn die Geburtdes Erbprinzen habe die große Ausstellung zunahe angerückt, und jeder Künstler wünsche nichtsmehrmals das Porträt des H. Grafen bei dem all-gemeinen Maler - Wellkampfe mit aufzustellen."»Morgen Vormittags sitz' ich bestimmt d'er ganzenSchule," — resolvierte Nikolaus. Pabst merktehöflich, aber frei an, der Belgier seien ihrer sech-zehn an der Zahl, und da brauche wohl jeder seinevolle Stunde. --Aber ich will, — versetzte der Fürstlebhaft — ja allen zugleich sitzen, vorwärts undlinks und rechts, im Nollgesicht, im Profil, imHalbprofil, im Drittel -, im Viertelprofil, und da,wo eS nicht weiter zu machen ist, mögen die übri-gen hinter mir mich aus den Spiegeln abkonter-feien, wie von jeher die größten Maler bei ihreneignen Gesichtsitzungen thun mußten; denn manbraucht nur etwas von der Kunst zu verstehen, sosieht man die Leichtigkeit der Sache."

Mir der größten Dankbarkeit und Lobpreisung,so wie mit der stillsten Verdrießlichkeit (über daSJneinanderschmelzen der Sitzstunden) trug derWirth seine abgeleerten Teller und — Aussichtenhinunter zur Schule, brachte aber hinter einemgranlickten Hechte — der seine» Schwanz, als dasbeste Stück, selber zwischen den Zähnen hatte —wieder neue Entschuldigungen und neue Bittenhinauf: '-außerordentlich, H. Graf, zu schätzen —fing er an — ist allerdings die belgische Schule,welche so treu der Natur auch die kleinsten, ja dieunsichtbarsten Züge abstiehlt, jedem Gegenstände,auch den« verächtlichsten, ein ewiges Leben einflößt