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Franz Dingelstedt's Sämmtliche Werke : Erste Gesammt-Ausgabe in 12 Bänden
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Freund, mein Fräulein," war die sehr ernste Antwort,den Maler Roland." Seraphim wurde blaß bis indie rothen Lippen hinein. Die Hand, die mit den seidenenQuasten tändelte, klammerte sich fest an sie, um ein tiefesZittern zu verbergen. Es entstand eine schwüle Stille,in der man jeden leisen Pendelschlag der Vieux-Boule-Uhrauf dem Schreibtisch deutlich vernahm, beinahe auch nochden rascheren, lauteren Herzschlag der Amazone. GrasWallenberg beobachtete sie scharf; er fühlte sich nichtweniger als sie bewegt. Nachdem sie ihre Fassung wiedererlangt, sprach sie, den diplomatischen Vermittler fest an-blickend:Sie nennen sich Rolands Freund, Herr Graf.Ich glaube Ihnen, daß Sie es sind. Haben Sie alssolcher seine Werbung gut geheißen?" Er zögerte.Offen und ehrlich, wie ein alter Römer."Wohlan,offen und ehrlich, nicht wie ein alter Römer, sondern alssein und Ihr Freund: Nein."

Seraphine sprang auf, vielmehr sie wollte aufspringen.Der Graf ergriff ihre Hand, die eiskalt war, so kalt, daßer es durch den Handschuh hindurch spüren konnte, undhielt sie zurück. Er bat:Hören Sie mich ruhig an undaus, mein Fräulein. Die Sache, eine sehr zarte undschwierige, steht folgendermaßen. Aus nahe liegendenGründen wünscht Herr Kraft seine Tochter vor sich ver-mählt zu sehen. Er will Fräulein Armgard keine Stief-mutter in's Haus führen. Nun weiß er oder glaubt alsscharfsichtiger Vater zu wissen, daß seine Tochter eine ge-heime Neigung für ihren Meister hegt; vielleicht eine vondiesem getheilte. Eine Verbindung zwischen Roland undArmgard scheint mir, und Wohl nicht mir allein, nicht