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auf dem Klaviere produciren. Ich habe Sie in Karlsruhe imMuseums-Kouzerte gehört . . . Ich konnte mich durchaus nichtentschließen, aus Bescheidenheit und — aus Angst vor denscharfen Berliner Musikkritikern. — Als aber auch mein zuRathe gezogener Klavierlehrer, Herr Gräulich — der aberdurchaus nicht gräulich ist — meinte: ich könne es wagen! —da war ich geliefert. Die Mutter sagte mit ihrer milden Ent-schiedenheit, ohne aus meine Einsprüche zu achten: Herr Graf,da es sich hier um keine eitle, sondern um eine gute That han-delt — wenn Lina's Konzert-Nummer auch nur wenige Fried-richsd'or mehr einbringt — so wird meine Tochter bestimmtspielen! — Herr Gräulich wird die Güte haben, das Klavier-stück auszuwählen! —
Herr Gräulich wählte: Ronclo Ho von Czerny, daswir schon fleißig vierhändig geübt hatten. Aber mit welchemZittern sah ich dieser öffentlichen — Exekution entgegen! Alsdie Mutter mich abends putzte, dachte ich: so muß der armenMaria Stuart zu Muth gewesen sein, als Hannah Kennedy siefür den letzten Gang schmückte! — Ich hatte eine reizende neueToilette: duftiges Spitzenkleid über weißen Atlas — in denLocken frische natürliche Blumen, wie die Mutter und ich esfür junge Mädchen so sehr lieben — sonst keinen Schmuck. —Als ich an meines Lehrers Arm die Estrade betrat, dachte ichwieder an das Armeusünder-Hochgericht und ich zitterte wieEspenlaub, daß Gräulich mir zuflüsterte: Muth — tapfer vor-wärts — oder wir Beide sind verloren! — Ich wurde vonfreundlichem Applaus empfangen. Louis, das ist Lebensbalsamfür ein Künstlerherz. Es wirkt zugleich erwärmend und be-ruhigend, wie Sonnenschein und holde Freude. Mag der klugekalte Publikum-Verstand auch immer sagen: Wer vor einerKunstleistung applaudirt, ist Partei — Freund des Künstlers^Immerhin! Wenn die klugen kühlen Leute doch nur mal ansich selber erproben könnten: wie wohl es uns Künstlern thut, uns