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auch vor dem — Nach-Nichter unter guten Freunden zu wissen
-und wie erkältend es auf das Künstlerherz wirkt — wie
gottverlassen und kleinmüthig man sich fühlt — bei dem Ge-danken: diese Bretter, auf denen Du stehst, können Dir heuteAbend zum hochnothpeinlichcn Gericht werden — da untenschlägt für Dich kein warmes Freundesherz — heißt Dich keinfreundlicher Mund, keine hülfreiche Hand willkommen! . . .
So hatte ich — Dank diesem herzlichen Empfang! —schon die Courage, die weißen Handschuhe abzustreifen, ohnezitternd sie zu zerreißen oder gar in kindisches Weinen aus-zubrechcn . . . Und als ich erst ein Dutzend Tasten berührthatte, da war ich geborgen. Ich dachte nicht mehr an Freundoder Feind da nuten — ich saß zu Hause in unserer rothenStube und spielte mit meinem Lehrer Uonllo Türe — so gutich es konnte-bis mich am Schluß der rauschendste Bei-
fall wieder in den Konzertsaal zurückrief. Mütterchen sagte:ich hätte bei meinem Dank-Kompliment ganz rosig gestrahlt vor
Vergnügen-und ihr wäre der ganze Hebelsche Feldberg
vom Herzen herabgefallen, als Alles glücklich überstanden sei.Sie habe vor lauter Stoßgebetlein keinen Ton gehört . . . Ja,warum ladet das stolze Mutterherz sich erst solch einen über-müthigen Angstberg auf? Da soll nachher der liebe Gott immerhelfen, als ob er nichts Besseres zu thun hätte, als leichtsinni-gen Fingern die richtigen Klaviertasten zu zeigen! — Nun, dergute Zweck ist wenigstens erreicht und der möge auch hier dieschwachen Mittel heiligen: Der Saal war gepfropft voll, Vielehaben Ueberzahlungen gemacht, auch die Mutter mit ihren:Pfennig der Witwe — und die armen Ueberschwemmten werde::ihre Freude haben . . . Doch die Kritik — die böse schneidigeBerliner Kritik? — Die war dies Mal recht stumpf — d. h.milde. Sie hat die .--geschätzte Klavier-Dilettantin« sehr gnädigbehandelt und war einstimmig in den: Urtheil, daß Mlle. Bauer