Buch 
Aus meinem Bühnenleben : Erinnerungen / von Karoline Bauer ; herausgegeben von Arnold Wellmer
Entstehung
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Wagenecke liegen und sein Konzert um die schönste Zierdegebracht sah. Doch ohne Bedenken sagte er: »Schnell nachBerlin zurück! ich will in Potsdam abbestellen . . .« Daöffnete Moschclcs matt die Augen und flüsterte: »Nein! nein!ich spiele und sollte ich sterben nur vorwärts . . .«

Und alles Protestiren Blum's half nicht.

»Fch spiele!« wiederholte matt der Kranke, und dieWagensetzten sich in Bewegung. Fn Zehlendorf Pause, abermaligesFragen, Bitten Blum's, sich zu schonen die gleiche Antwortdes halbtodten Moscheles und endlich langten Nur nach derpeinlichsten Fahrt in Potsdam an.

Alle Billete waren bereits vergriffen. Im Gasthaus hatteBlum schönstens vorgesorgt. Nach der Probe setzten wir unszu Tisch aberMoscheles lag im Nebenzimmer auf demSopha,jede Erquickung verschmähend. Er hatte in der Probe kaumdie Kraft gehabt, die nöthigsten Akkorde für das Orchester an-zuschlagen. Wenn aber Blum nur Miene machte, gegen seinAuftreten Protestiren zu wollen, so blieb Moscheles resignirtdabei: »Ich spiele!«

Zum ersten Mal sollte ich vor den Potsdamern erscheinen.Ich hatte also eine reizende Toilette gewählt: weißen Tüll mithimmelblauen Astern! Ich sollte mit Guitarre-Begleitung dieErlebnisse eines Troubadours dcklamiren. Blum akkompagnirte.Er gilt als der erste Guitarrespieler Deutschlands.

Um sechs Uhr, als wir des Anfangs harrten, wankteMoscheles in feierlicher Toilette in's Bersammlungszimmer, mitfieberhaft glühenden Augen, blaß wie eine Leiche. Die Mutterrieb ihm die Schläfen mit Lau äs 6o1o»us und schminkteihn, damit das Publikum nicht erschrecken solle. Dann saß erauf dem Sopha, den Kopf in den Armen der Mutter, undsah so jammervoll zu ihr auf, daß ich trotz meines Mitleids