Mehrbändiges Buch 
Patriotische Phantasien / von Justus Mösre ; Herausgegeben von seiner Tochter J. W. J. v. Voigt, geb. Möser
Entstehung
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Von einem ÄLemhaudler.

Sprache ausdrücken könnet. Lavater hat auchGründe angegeben, um die Physionomien zu erkennen,und die guten von den schlechten zu unterscheiden.Aber beim Element, wann ich einem Kerl ins Gesichteschaue: so will ich tausend Mal eher wissen, was derKnabe im Schilde führet, als alle diejenigen, so ihnnach den von jenem großen Meister angegebenen Grün-den beurtheilen. Ich habe mehr Menschengesichter ge-sehen, als ich Weine geschmecket habe; und die Ein-drücke, so ich von ihnen behalten habe, dienen mir zuso vikl Werkzeugen der Menschenerkenntniß. Mit allendiesen Werkzeugen berühre ich den Kerl auf ein Mal,mein ganzes Gefühl fließt um seine Form, und ichdrücke ihn damit so ab, daß ich ihn habe wie er dasteht, von innen und von außen; aber die Gründedavon klar zu denken, sie in einen dünnen elendenFaden ausznspinncn und andern mitzutheilen, dasverstehe ich so wenig, daß ich vielmehr glaube: es seynicht möglich, und unsre Sprache sey so wenig dasWerkzeug, alle Empfindungen, die wir durch linstefünf Sinne erhalten, auszudrücken, als die vier Spe-cies das Mittel sind, unendliche Größen zn berechnen.

Hier gieng nun der Streit von neuem an; ichbehauptete, daß einer der des Menschen Gesicht ineinem Hui mit zehntausend, obgleich unerklärbarcn Tan-genten berührte, richtiger davon urtheilte, als einandrer, der immer nur ein einzelnes Fühlhorn ausstrek-ken, und dasjenige, was er dadurch empfände, deutlichbeschreiben könnte. Und hieraus zog ich sodann dieFolge: daß es.nothwendig in allen Arten des Geschmackszuerst darauf ankäme, wie viel einer Tangen-ten hätte, und ob solche richtig wären?Dieses bewiese der Jtaliäner, der täglich gute Ge-bäude und Gemählde schauere und schöne Musik hörte;

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