59
XIV.
Schreiben einer Dame an ihren hitzigenFreund.
Verzeihen will ich Ihnen gern, mein lieberFreund, und zwar vom Grund meines Herzens; aberIhre Entschuldigung „daß Ihre polternde Hitze einNaturfehler sey, den man übersehen müsse" lasse ichdurchaus nicht gelten. Denn eines Theils ist es nochgar nicht ausgemacht, daß es eben so wohl gebrech-liche Seelen, als gebrechliche Körper gebe: und an-dern Theils, wenn es auch einige Seelen geben sollte,die von Natur Krüppel wären: so glaube ich dochnicht, daß man solche Geisteskrüppel mit eben demchristlichen Mitleiden ertragen müsse, womit maneinen von Natur schielenden Menschen zu ertragenverbunden ist. Endlich setzt man auch den körperli-chen Fehlern noch wohl etwas entgegen, und schienetein schwaches Bein, was zu hinken drohet; daher esdritten Theils höchst schädlich seyn würde, dergleichenvon Natur mangelhafte Seelen ohne Hülfe oder ohneSchienen, wenn ich es so ausdrücken mag, zu lassen;und woher wollen Sie Schienen für die Seele suchen,wenn Sie solche nicht aus dem Zorn, dem Unwillen,und der Verachtung nehmen, womit man dergleichennatürliche Fehler der Seelen bestraft? Wie sehr wür-den diese immer mehr und mehr ihrem üblen Hangefolgen, wenn man die Narren bedauerte, daß sie vonNatur nicht recht gescheit wären, oder mit den Hitzi-gen Mitleid hätte. Hier muß man nicht ablassen mitwohlthätigem Strafen und Ermähnen, und so wieman der Kinder Seelen mit Fluchen und Segnen,
mit