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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
Entstehung
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Einleitung.

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Der erste Blick, den wir auf die politische Geschichte Italienswährend des 14. und 15. Jahrhunderts werfen, scheint uns zu sagen,daß die Halbinsel zur Fortführung ihrer großen Ausgabe durchausunfähig geworden war. Wir glauben nicht mehr als einen Tummel-platz zerreißender und zweckloser Leidenschaften wahrzunehmen. Vonkeiner mächtigen Kaiserhand mehr zusammengehalten, benutzen diesekleinen Staaten und Städte ihre Freiheit nur, um einander mit un-ruhiger Eifersucht zu quälen und zu schaden. Der unaufhörliche. Widerstreit der Dynasten und Usurpatoren gegen die Republiken undin letzteren der ewige Kampf zwischen Adel und Volkspartei, derAdelsgeschlechter gegen einander und der popolaren Gewalten gegen ein-ander, ein vielgestaltiger Bürgerkrieg hilft die Zerrüttung und dieOhnmacht vollenden. Die Halbinsel reifte der Fremdherrschaft unddoch nicht der eines einzigen Herrschers entgegen. Die Entfernungder Curie aus Italien und das kirchliche Schisma unterwühlten auchdie religiöse Eintracht der Gemüther, und die Vorboten der großenKirchentrennung deuteten bereits auf ein Auseinandergehen der Na-tionen in Glauben und Cultus. Wie hätte Rom noch der Altar derweltbürgerlichen Idee bleiben können!

Da nun keimte in Italien die Saat einer neuen Bildung, dieihre Blüthen zunächst auf dem literarischen und künstlerischen Ge-biete treiben sollte und eine neue Einigung Italiens nicht nur,sondern der Kulturwelt überhaupt, unter dem Banner der Musen undder Wissenschaft zu vollbringen berufen war. Diese Entwickelung trittnun in den Vordergrund, während das Interesse an der kirchlichenPolitik, an den Kriegen und Revolutionen immer mehr zurück-schwindet. Sprechen wir die neue Aufgabe Italiens aus. Das ver-sunkene Alterthum der Hellenen und Römer der christlichen Weltwieder zuzuführen und zu Eigen zu machen, seine Wissenschaft wiederzur Geltung zu bringen, den Duft seiner Kunst mit der Blüthe deschristlich-romantischen Lebens zu vermählen, die Form und sinnlicheSchönheit als das Erbe der klassischen Völker mit dem Geiste derRomantik zu vereinigen, das ist das Ziel, dem sich fortan die edelstenKräfte zuwenden, das ist die Bedeutung eines Ariosto und Tasso,eines Bramante und Palladio, eines Lionardo da Vinci und Ra-spele Sanzio.

Wir haben hier nur ein Stadium und eine Seite dieses kultur-geschichtlichen Vorganges zu verfolgen, die Wiedergeburt des klassischen

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