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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
Entstehung
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Einleitung.

Alterthums und sein Eindringen in das geistige Leben zunächst Ita-liens. Wir haben ferner nur das Kindes- und das Jünglingsalterdieser Bestrebungen vorzuführen, wie jenes sich aneignet und lernt,gefördert durch den Trieb der Nachahmung, wie dieses die erwor-benen Kräfte und Kenntnisse übt, mnthig gebraucht und keck miß-braucht. Das Entstehen und Wachsen wird daher unser Interesse aufsich ziehen, noch nicht Schöpfungen, die den Stempel der Reise undDauer tragen.

AIs den Kern dieser Entwickelung betrachtete man früh schon dieAufnahme des Rein-Menschlichen in Geist und Gemüth, wie es dieHellenen und Römer der alten Zeit gepflegt, der Humanität, imGegensatze zu den Anschauungen des Christenthums und der Kirche.

Es war also der Proceß einer Reception. Nicht absolut neueGedanken traten in die Geschichte ein, sondern die einer längstver-gangenen Zeit, einst in Werken der Literatur niedergelegt, werdennur wieder aufgenommen. Und nicht als ein völlig Neues und Un-bekanntes treten sie auf, sondern sie werden dem lebenden Geschlechtenur in einem vollen, überwältigenden Strome zugeführt. Auch dieantike Welt hatte verwandte Vorgänge durchgemacht, als Asien dieEinströmung der hellenischen Kultur und Literatur empfing, als La-tium dieselbe in sein geistiges Leben aufnahm. Zu welchen Umwand-lungen führte auch hier die neue Zumischung, wie vermochte sie diehergebrachte Denkweise zu verändern und in andere Richtung zubringen!

Vom klassischen Alterthume zeugten vorzugsweise seine literari-schen Monumente, mit ihnen sank es in den Winterschlaf, mit ihnensollte es zu einem neuen Frühling erweckt werden. Seine Geschichteknüpft sich also an die seiner Literatur. Die Männer selbst, welchedie römischen und griechischen Autoren wieder in das Leben führten,sprachen regelmäßig von ihrem siebenhundertjährigen Schlummer.Sie rechneten nicht falsch; mit dem römischen Reiche schwand auchder Sinn für die römische Literatur allmählig dahin, im 7. Jahr-hundert war er so gut wie erloschen. Aber wir dürfen ihnen jenesWort doch so unbedingt nicht nachsprechen; mitten in der Flammestehend, sahen sie die glimmenden Funken nicht. Wie die römischenRechtsbücher, so blieb auch die geschichtliche, philosophische und poe-tische Literatur der Römer niemals ganz unbeachtet liegen, immersind Sallustius und Livius, einzelne Schriften Cicero's und Seneca's,