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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
Entstehung
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Einleitung.

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Virgilius und Lucanus, Horatius und Ovidius, Terentius und Pli-nius einmal in der stillen Klosterzelle gelesen und in die kirchlichen,scholastischen und geschichtlichen Werke verwebt worden. Schon dieKirchenvater wiesen vielfach auf die profanen Autoren hin, denen sieja ihre Erudition zum guten Theile verdankten. Dnrch ihre Schriftensowie durch die späterer kirchlicher Sammelgeister, etwa des BischofsJsidorus von Sevilla, blieben einige Kenntnisse und Notizen aus demklassischen Alterthum in stetem Umlauf. Andere pflanzten sich, wennauch noch so verstümmelt, durch Sage, Legende und Dichtung fort,wie die wirren Märchen vom trojanischen Kriege, von Alexander demGroßen, von einzelnen römischen Imperatoren. Boetius, dessenchristlich-philosophisches Trostbüchlein allezeit in hohem Ansehen stand,gab in seinen Commentaren zugleich einen Impuls zum Studiumoder doch zur Beachtung der aristotelischen Philosophie. AehnlicheBerührungen finden sich hundertfach. Endlich besitzen wir aus allenPerioden der mittelalterlichen Zeit handschriftliche Copien klassischerAutoren, die doch ein thätiges Interesse für diese Literatur bezeugen.

Wollte man sich die Schriftsteller des Mittelalters zusammen-suchen, die der klassischen Literatur mehr oder minder nahe gestanden,so würde man eine lange Reihe und in ihr eine stattliche Zahl be-deutender Namen erhalten. Man könnte fast zu der Meinung ge-langen, als hätte es einer besonderen und stürmischen Neubelebungdes Alterthums gar nicht bedurft. Am Hofe Karls des Großen liestman mit Vorliebe lateinische Dichter und ahmt ihre Verse nach.Seitdem sind sie nie wieder ganz in Vergessenheit zurückgesunken. Anmanchem Bischosshos und in den berühmten Häusern der Benedictinerfindet die Dichtkunst und Weisheit der Römer eine neue' Stätte,pflanzt sich in den Sammlungen der Bibliothek und in den Uebun-gen der Schule fort. So kindlich und unbeholfen das Nachstrebenerscheinen mag, es sind doch die guten Muster der Alten, die manim Auge hält.') Einhart nimmt sich den Suetonius zum Vorbild,Widukind den Sallustius; er sucht die Wirkung durch antike Prunk-reden zu steigern, Bilder und Empfindungen des alten Rom schwellenseine Seele. Auch Adam von Bremen, wohl der berufenste JüngerKlio's im Mittelalter, hat sich sichtlich an Sallustius gebildet. Eck-hard von Aura schmückt sich mit Aussprüchen Cicero's, und bei man-

') Bergt. Dümmlcr, Gesch. des ostfränk. Reichs Bd. II., Berlin 1865, S.652ff.