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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
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I. Petrarca'« Schwärmerei für das Alterthum. Z7

mender Verehrer ihrer Größe wurde. Las er seinen Livius, someinte er mit den Fabieru, Metellern und Scipionen zu verkehrenund vergaß, die elenden Zeiten, in die ein unseliger Stern seine Ge-burt verlegtEr war überzeugt, daß es vor dem Erscheinen Christieine Fülle von Männern gegeben, die sich durch Geist und Tugen-den ausgezeichnet, daß aber Geist und Tugenden in der Gegenwartausgestorben seien. Diese Thatsache stand ihm fest; nur darüberdachte er nach, wie sie zu erklären sei ft. Was er von den Alten ge-lernt, war ihm mindestens von gleichem Werthe mit dem, was seinGeist selbständig schaffen mochte, ja er wußte beides oft nicht mehrzu scheiden.'). Er fühlte, daß er durch das Alterthum alles ge-worden, was er war, und so vermengte er leicht die Hoheit des Alter-thums mit seiner hohen Meinung von sich selbst. Er hätte einTräumer oder ein Wahnwitziger werden müssen, wenn nicht zugleichdieses starke Gefühl seiner selbst sich in ihm erhoben und ihn mitder Mitwelt in Verbindung erhalten hätte. So ging er denn mitBegeisterung und doch auch mit nüchterner Thätigkeit an das Werk,das ihm als würdigste Ausgabe seines Menschenlebens erschien, andie Neubelebung des erstorbenen und begrabenen Alterthums.

Unter dem Himmel der Provence, wo sein Genius erwachte,waren Bücher die einzigen Monumente, die lebhaft an das alte Romerinnerten. Er wurde gewahr, wie die Schriften der Alten, in Staubund Moder verborgen und zum Theil schon verloren, dem vollstän-digen und ewigen Untergänge unvermeidlich anheimfallen mußten,wenn nicht bald die rettenden Hände sich zeigten. Dieser Drang zuretten, vereinigt mit dem Wunsche des Besitzens, warf sich natürlichzuerst auf die Schriften Cicero's, der mehr als andere Autoren inVergessenheit gesunken war. Ein Johannes von Salisbury, vor Pe-trarca ohne Zweifel der in den Werken der Alten belesenste Schrift-steller des Mittelalters, kannte zwar eine bedeutende Zahl der phi-losophischen Werke Cicero's, von den rhetorischen wenig, von denBriefen nur die Sammlung all tümilirrrss, von den Reden, wie

>) Lpi8t. rsr. kumil. XXIV, 8, an T. Livius gerichtet.

2) lüpist. ror. tsmit. XVI, 4.

3) Lpist. rer. laiuil. VI, 2 p. 315: Psstatus sum tawsu, rus uilül irovuw,uitlil kero msum äiesre, iuuuo vsro lliüil Älioüuiu; oiimis, siriw, uuäsouugus <11-äieimus, uostru sunt, nist korssu ub8tulerit es irodi8 oblivlo. Aehnlich auchXXII, 2.