Buch 
Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
Entstehung
JPEG-Download
 

38

I. Petrarca und Cicero's Schriften.

es scheint, nichts.') Brunetto Latini soll einige Reden und einen Theilder sogenanntenRhetorik an Herennius" in die Vulgärsprache über-tragen haben. Dante hatte nur die Bücher über das höchste Gut,über die Freundschaft, über das Alter, über die Pflichten, die Para-doxa und die Rhetorik gekannt.') Auch Petrarca's jüngerer Zeit-genosse Walter Burley weiß zwar eine beträchtliche Zahl von Cicero'sWerken dem Titel nach aufzuführen, aber vieles davon hat er offenbarnie gesehen, seine Kenntniß der Reden ist eine höchst ärmliche, unddie der Briese wird man ihm überhaupt nicht zugestehen können?)Im ganzen sieht man, wie sich die philosophischen Schriften Cicero'snoch in einigem Ansehen erhielten, während die eigentlichen Fund-gruben der Eloquenz völlig ins Dunkel zurücktraten. Gerade Frank-reich, wo der Einfluß der Pariser Hochschule am unmittelbarstenwirkte, scheint an Handschriften und Lesern der Klassiker auffallendarm gewesen zu sein, wie die mittelalterlichen Jnventare seiner Bücher-sammlungen zeigen. In denen der Könige und anderer fürstlicherPersonen findet sich der Name Cicero's nicht. Unter den Klösternhaben wohl nur einige alte wie Corbie eine kleine Zahl seiner phi-losophischen oder rhetorischen Schriften bewahrt, und diese waren dort

wie begraben.') So erklärt sich, daß Petrarca den Cicero gleichsamneu zu entdecken meinte.

Schon als Jüngling war Petrarca mit großem Eifer bemüht,die Werke Cicero's zu sammeln; denn seine Vergötterung dieses Rö-mers wuchs durch alles, was er von seinen Schriften las oder über ihnhörte. Wie groß war zum Beispiel seine Freude, als er fand, daßschon Quintilianus den Cicero hoch über Seneca gestellt. Jede An-deutung anderer Autoren über solche Werke Cicero's, die er noch nichtbesaß, war ihm ein heftiger Sporn, sie zu suchen. Befand er sichauf Reisen und sah irgend ein altes Kloster aus der Ferne auf-tauchen, so war sein erster Gedanke: wer weiß, ob hier nicht etwas

von dem sein möchte, wonach mich so sehr verlangt. Etwa in seinem25. Jahre kam er nach Lüttich und da er hörte, daß es hier viele alte

>) Schaarschmidt S. 87. 92.

2) So schließe ich daraus, daß ich nur diese Werke i» Dante's poetischen undprosaischen Schriften erwähnt gefunden. Zu demselben Resultate kommt SchrickKlassische Studien und Brunetto Latini i» den Neuen Jahrbüchern f. Philol.und Päd. 1865. II. Abth. S. 264.

3) Vergl. Olooroiris Opxr. roo. OrsIIi. Lclit. alt. vol. III, lurier 1845, p. XI.

4) I)oso!rawp8 p. 25. 29- 38.