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Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus / von Georg Voigt
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V. Humanismus und Mönchthum.

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Poeten als von Fabelmachern gesprochen, weil sie den Dichtern ihreLascivitäten vorgeworfen und sie der Verführung zum Heidenthumbeschuldigt hatten. Dafür schont Boccaccio auch sie nicht, dieseHeuchler, die immer aussehen, als wollten sie mit dem Prophetensagen: der Eifer für das Haus Gottes verzehrt mich. Sie schlagendie Augen zur Erde nieder, als seien sie mit tiefem Nachdenken be-schäftigt, sie schleichen langsam im einfachen Gewände umher, alslebten sie nur für ihre heiligen und erhabenen Speculatjonen, siesprechen wenig und wenn sie gefragt werden, nur nach einem voraus-geschickten Seufzer und die Augen gen Himmel verdreht. Aber siewollen dadurch nur bewirken, daß das Volk mit Fingern auf siezeige, vor ihnen aufstehe und sie Rabbi nenne. Sie fügen sichdemüthig den Befehlen ihrer Oberen, aber nur, um zu einem höherenGrade zu gelangen. Im Stillen.wissen sie auch recht gut mit welt-lichen Dingen umzugehen, Ehen zu vermitteln, Gastmählern beizu-wohnen und den Testirenden zu helfen. Und diese Heuchler thun,als ergriffe sie ein heiliger Zorn, wenn sie von Poesie und Poetenhören si!

Wie Boccaccio hat auch sein jüngerer Freund Salutato, ansich allem Zanken und Streiten abhold, die Feder nur dann zumKampfe gespitzt, wenn er, seine klassischen Studien und die altenDichter angegriffen wurden, als Giovanni di Domenico gegen denallzu eifrigen Betrieb der heidnischen Wissenschaften loszog und Gio-vanni da Sän Miniato die Jugend vor solchem Heidenthum warnte.Andererseits hat Salutato auch gleich Petrarca gelegentlich dasKlosterleben und seine heilige Muße gefeiert ft. Wir sehen, wie sichdie älteren Chorführer der Bewegung noch in der Defensive halten.

Als aber der Humanismus bereits' die herrschende Richtunggeworden, scheut er auch den angreifenden Kampf nicht. Darin gingLionardo Bruni voran. Was ihn bewog, seine heftige Streit-redegegen die Heuchler" loszulassen, ist nicht klar. Vespasianomeinte zu wissen, gegen welchen würdigen und heiligen Mann dieJnvective gerichtet sei, aber er wollte ihn nicht nennen. Dannnannte er ihn doch: es sollte der Camaldulenser Traversari sein,wobei er wohl an seine enge Freundschaft mit Niccoli und dessen

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