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Neunter Abschnitt. H 35.
menzuhalten wußte. Sie litt an Hunger, Desertion, Mutlosig-keit, war weit verzettelt, zum Theil von ihren Führern aufgegeben,schmolz von Tag z» Tag mehr zusammen und wenn auch darumeinem entschlossenen, gut geleiteten Angriff zu widerstehen nicht ge-eignet, gleichwohl im Stande, jeden einzelnen Schritt im Landehöchlich zu erschweren.
Ein erster nennenswerther Erfolg Gustav Adols's war nachUeberrumpelung der Inseln Rügen und Wollin die BesetzungStettins im Juli d. I.
Sie geschah unter Umständen, die für die Lage bezeichnendgenug waren. Die protestantische Bevölkerung bebte vor denGreueln, die sonst mit jeder Besetzung durch fremdes Kriegsvolk,protestantischen oder katholischen Bekenntnisses, verbunden waren,Bogeslav fürchtete überdies die Repressalien des Kaisers, wennein Umschlag einträte und drohte deshalb mit Feindseligkeiten, wenndie Schweden sich nicht in achtungsvoller Entfernung hielten.Gustav Adolf ließ sich dadurch nicht abschrecken, wies jedes Aner-bieten von Neutralität zurück und brachte den geängsteten Herzogdazu, daß er endlich mit schwerem Herzen Einlaß gewährte. DieSchweden hielten sich musterhaft, sie wurden nicht wie sonst dieSöldner in Bürgerhäuser, sondern in Zelte einquartirt, gingenmit den Einwohnern friedfertig zur Predigt und errichteten mitaußerordentlichem Eifer in 4 Tagen ein System von Verschan-zungen um die Stadt, das nicht bloß für jene Zeit als ein Mustervon Befestigung gelten konnte.
Gleichzeitig war auch ein Staatsvertrag zwischen Schweden undPommern zu Stande gekommen, der nicht bloß ein ewiges Bünd-niß aufrichtete, sondern auch mittelst einer geschickten ClauselSorge trug, daß für den Fall des Ablebens des Herzogs Boges-lav Pommern an Schweden fiel, wie denn das auch später ge-schehen ist.
Das war der Anfang einer langsamen, mühevollen Kriegfüh-rung, mittelst deren sich Gustav Adolf in Pommern, Mecklenburg,Brandenburg ausbreitete. Napoleon hat ihn für den größtenFeldherrn aller Zeiten erklärt, hauptsächlich darum, weil er ineinem gefahrvollen, glanzlosen Feldzug vom Juni 1630 bis zumHerbst 1631, ohne auch nur einen nennenswerthen Nachtheil zuerleiden, mit einer langsam bohrenden, aber sicher fördernden Ge-