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Einleitung.
Sie kam 1671 nach Frankreich, das sie bis zu ihrem Todenicht mehr verlassen sollte. Sie war an ein Land gefesselt, dasbei allem äußern Glänze innerlich hohl und verderbt war, miteinem Manne verheiratet, der in keiner Beziehung ihrer würdig war.
Philipp von Orloans— genannt: Monsieur — war ein voll-kommener Lebemensch und Lüstling, durchaus träge, unfähig zu jederwirklichen Beschäftigung, jeder ernsten Lektüre. Ein Sklave desKönigs, seines Bruders, und dessen Mätressen, suchte er doch durchFormlosigkeit und Frechheit diesen gegenüber seinen hohen Rang zuerweisen. Sonst freilich verstand er aufs trefflichste, sich zu beneh-men und die schicklichen Formen, wo es not that, zu beobachten. Erliebte das Vergnügen, war daher bei den Hofleuten beliebt, denener Ergötzen verschaffte, und bei der Menge, zu der er sich huldvollherabließ. Er war ein Fresser, der nicht bloß an seinen beiden täg-lichen Haupimahlzeiten unglaubliche Portionen verschlang, sondernzwischendurch beständig Früchte und Leckereien verzehrte, mit denenseine Taschen immer von neuem angefüllt wurden. Er war weich-lich, schwach, furchtsam, von seinen Günstlingen beherrscht und ver-achtet, ein Schwätzer, der kein Geheimnis bewahren konnte, klein-lich, so daß er Zwistigkeiten unter seinen Getreuen erregte und anKlatschereien und Zänkereien kindisches Behagen fand. Er warder Wollüstigste unter den wollüstigen Menschen seiner Zeit, vonniedrigen Lastern befleckt und seinen Opfern nichts versagend. Erputzte sich wie ein Weib, belud seinen Körper mit Ringen, Arm-bändern, Edelsteinen, Bändern, er schminkte sich beständig. AusFurcht, daß Sonne und Pulver sein weißes Gesicht schwärzenwürden, zog er, der sonst nicht unkriegerisch war, nicht in denKrieg. Er hatte eine unersättliche Lebenslust, er haßte den Tod,er fürchtete sich vor dem Teufel. Er hörte auf seine Beichtvaterund gehorchte ihnen wohl kurze Zeit, aber er besaß nicht Kraftgenug, sich aus seiner Erbärmlichkeit zu erheben.
Mit einem solchen Menschen konnte Elisabeth Charlotte nichtleben: seine Freuden waren nicht die ihrigen. Sie lebte daherallein für sich, mit wenigen Getreuen, in Erinnerung an ihr Vater-land, in eifriger Thätigkeit. St. Simon, der unübertrefflicheChronist des französischen Hofes zur Zeit Ludwigs XIV., er, dernicht eben zu ihren Freunden gehörte, sagt von ihr:
„Madame war eine Fürstin aus der alten Zeit, festhaltend anEhre, Tugend, Rang, Größe, unerbittlich in Form- und Anstands-fragen. Sie besaß Geist; was sie sah, sah sie vortrefflich. Siewar eine gute und treue Freundin, zuverlässig, wahr, aufrichtig,leicht zu verletzen und schwer zu versöhnen; grob, gefährlich inihrer Sucht, öffentlich gegen ihre Widersacher ausfällig zu werden,durchaus deutsch in ihren Sitten, freimütig; sie kannte keine Be-quemlichkeit für sich und andre, sie war nüchtern, wild, und vonmanchen Phantasieen beherrscht. Sie liebte Hunde und Pferde,war der Jagd und dem Theater leidenschaftlich ergeben, bewegtesich immer in Gala oder Reitkleid, mit einer Mannsperücke, und