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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
Entstehung
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Einleitung.

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trug bis in ihr hohes Alter, gesund oder krank, nie einen Schlaf-rock. Sie liebte ihren Sohn leidenschaftlich, den Herzog von Loth-ringen und dessen Kinder bis zum Wahnsinn, in ganz besondrerWeise aber ihre Nation und ihre Verwandten, selbst die, die sieniemals gesehen hatte."

Sie war kein Tugendspiegel, sie hatte Vergnügen am Pikan-ten, sie liebte das Derbe, aber inmitten der Ruchlosigkeit und Ver-derbtheit erhielt sie sich rein. Sie war stolz auf ihre sittliche Un-antastbarkeit und haßte darum die Günstlingswirtschaft ihresMannes und die Mätresseuzucht am Hofe. Selbst dem König sahsie unsittliches Betragen nicht nach, verabscheute vielmehr seineBeherrscherin, die Frau von Maiutenon, sprach von ihr, solange diese lebte, in den heftigsten Ausdrücken und rief der Ver-storbenen das derbe Wort nach:Die alte Schump ist verreckt."Sie war eine Fürstin und wollte als solche gehalten sein. Siewar stolz anf ihre Stellung, mehr noch auf ihre vornehme Ge-burt, sie wachte eifersüchtig darauf, daß Fürstenfamilien sich reinerhielten. Von dem Volke wollte sie nichts wissen, sie war einerverfassungsmäßigen Regierung wie der englischen abgeneigt undbilligte das absolute Regiment. Nur auf Eines sollte der Herr-scher seine Macht nicht erstrecken: auf die Religion. Sie haßtedie Pfaffen als die Unterdrücker selbständigen Denkens, legte kei-nen Wert auf Zeremonien und zweifelte am Jenseits. Sie leug-nete die Wunder und liebte es, die Wundergläubigcn schalkhaftvon ihrem Irrtum zu überführen. Sie wünschte die Duldung derReformierten und trauerte über das schreckliche Los, das denselbenin Frankreich bereitet wurde.

Indessen dies schwere Schicksal zu ändern, einzugreifen in dieRatschlüsse der Mächtigen hatte sie weder Kraft noch Mut. Siebetrachtete sich als Opferlamm der Politik ihres Vaters und dul-dete schweigend. Nur in Briefen an ihre Freunde und Verwand-ten erschloß sie ihr Herz. Sie wußte, daß ihre Briefe regelmäßiggeöffnet wurden, sie hatte die schweren Folgen mancher Unbedacht-samkeit zu tragen und schwieg doch nicht. Doch das Gescheheneanders zu gestalten vermochte sie nicht. Sie fühlte sich zeitlebenseine Fremde in Frankreich. Nur einmal noch Deutschland wieder-zusehen, die Plätze, die ihr von Kindheit wert geblieben, zu be-grüßen, die Ihrigen zu umarmen, war ihr sehnlicher Wunsch.

Sie blieb, trotz ihrer schweren Leiden, heiter und natürlich.Sie liebte das Leben trotz alles Unglücks, das ihr bereitet war.Nach dem Tode ihres Mannes soll sie nichts mehr gefürchtethaben, als die Entfernung vom Hofe, und während noch dieLeiche des Gatten warm war, unaufhörlich gerufen haben:Manrede mir nicht vom Kloster, ich will nicht ins Kloster." Auchandern suchte sie das Leben lieb zu machen. Sie sah gern fröh-liche Gesichter um sich und hörte gern freundliche Laute. DieNahen erheiterte sie durch frohes Geplauder, die Fernen ermun-terte sie durch herzliche Worte. Sie war unerschöpflich an Witz-