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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
Entstehung
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Einleitung.

Worten, so daß einer ihrer Lieblinge ihr einmal sagen durfte:Wonimmst du nur alle Thorheiten her, von denen dein Kopf voll ist."Ihren Spott kehrte sie aber auch gegen sich selbst. Sie machte sichlustig über ihr Aussehen und entgegnete denen, die sie verwundertfragten, warum sie vor den Spiegeln vorübergehe ohne hineinzu-sehen, sie habe keine Lust, ihre Häßlichkeit zu bewundern. Sie hieltfest was sie einmal besaß. Sie hatte eine herzliche Demut gegendiejenigen, denen sie ihre Erziehung und die Freuden ihrer Jugendverdankte, eine standhafte Treue für die Gleichalterigen, mochte sienun durch die Bande des Blutes oder der Freundschaft mit ihnenvereint sein. Sie war eine gute Mutter, treu besorgt für dasWohl ihrer Kinder, aber auch darauf bedacht, Gehorsam zu for-dern, und geneigt, ihre Autorität zu beweisen. AIs ihr Sohn,trotzdem er ihr versprochen hatte, ihr zu folgen, in eine ihr wider-wärtige Heirat willigte, erklärte sie offen ihren Widerwillen, jaihren Abscheu, und als der Sohn nach der feierlichen Verlobungsich ihr näherte, um ihr die Hand zu küssen, da applizierte sie ihmin Gegenwart des gesamten Hofes eine so kräftige Ohrfeige, daßalle Anwesenden von dem peinlichsten Erstaunen über diesen Aktmütterlicher Autorität ergriffen wurden.

Ihr Deutschtum bewahrte sie mit wunderbarer Kraft. Siefühlte sich und bekannte sich immer als eine Deutsche. Sie sprichtund schreibt deutsch mit origineller Kraft, nicht immer korrekt denRegeln gemäß, aber, was mehr Wert ist, mit Geist und Humor.Sie hat ein erstaunliches Gedächtnis, obwohl sie sich nicht seltenüber ihre Gedächtnisschwäche beklagt, sie erinnert sich der kleinstenVorfälle ihrer Kindheit, Witzworte und sprichwörtlicher Redens-arten, der Personen, die sie am väterlichen und am hannöverschenHofe geseben, und spricht von alledem mit drolliger Laune.

Ihr Leben in Frankreich war eine Kette von Demütigungenund Leiden. Zunächst erlitt sie bittere Schmerzen durch die Ver-wüstung der Pfalz und durch die Ansprüche, welche ihr Gemahl,oder vielmehr Frankreich durch ihn, auf die Pfalz erhob, kraft derErbfolge, die er durch Verheiratung mit ihr erlangt zu habenmeinte. Sie beweinte es, daß sieihres Vaterlandes Untergang"wäre und thatenlos zusehen müßte, wie ihres Vaters Fürsorgeund Mühe so auf einmal über den Haufen geworfen würde.

Sodann machte ihr Gemahl durch sein wüstes Leben und durchdie Verdächtigungen, welche er gegen sie ausstreute, ihr schwerePein. Sie hat sich selbst (unten S. 32 ff.) ausführlich über dieseserbärmliche Gebühren und die Genugthuung ausgesprochen, welcheihr gewährt wurde, so daß es nicht nötig ist, nochmals auf dieseMachinationen einzugehen.

Auch der Trost, die Erziehung ihrer Kinder selbständig zuleiten und deren Schicksal nach eigner Ueberzeugung zu bestimmen,wurde ihr versagt. Sie hatte drei Kinder geboren. Der älteste,Alexander Louis d'Orlsans, Herzog v. Valois, geb. 1673, starbbereits 1676. Der zweite, Philipp v. Orlsans, nach dem Tode