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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
Entstehung
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Einleitung.

höchst bedenklichen Aeußerungen wiederholt, die Elisabeth derDauphine über die Maintenon anvertraut und welche die Ver-traute der Beschuldigten wiedergesagt hatte. Aufs neue sei dannElisabeth in Thränen, Beschwörungen, Versprechungen ausgebro-chen und habe ihrer Anklägerin damit den größten Triumph be-reitet. Mag dieser Bericht auch übertrieben und teilweise erdichtetsein, er enthält jedenfalls die Auffassung, die man am Hofe vonder Zusammenkunft der zwei Frauen hatte, und lehrt dre Stim-mung kennen, welche unter den Günstlingen der Mächtigen überElisabeth Charlotte verbreitet war.

Die Tage folgten und glichen sich ziemlich. Im allgemeinenblieb Elisabeths Stellung zu Ludwig XIV. und der Frau vonMaintenon kühl, wenn auch manchmal die Beziehungen innigerwurden, selten ganz warm erschienen. Die machtvolle Stellung,welche Frankreich im 17. Jahrhundert errungen und am Anfangedes folgenden zu behaupten gewußt hatte, wurde erschüttert, zer-stört. In dieser Zeit schwerer Not für das Land neigte sich Eli-sabeth immer mehr denen zu, denen sie, wenn auch nicht durchNeigung, so doch durch ein jahrzehntelanges Zusammenleben an-gehörte. Sie empfand Frankreichs Siege als ihren Triumph undseine Niederlagen als ihr Unglück. Der Tod hielt an dem fran-zösischen Hofe furchtbare Ernten. Man liest in den folgendenBriefen, wie Zweig auf Zweig von dem einst so üppigen Stammeabfällt, wie eure Hoffnung nach der andern vernichtet wird. Fastalle Erben des gewaltigen Reiches gehen vor dem Erblasser dahin.

Am I.Sept. 1718 starb Ludwig XIV., noch auf dem Todbetteder Getreuen, die ihn trotz aller seiner Fehler und schroffen Hand-lungsweise geliebt hatte, sein Unrecht abbittend. Elisabeths Stel-lung änderte sich nun durchaus. Denn ihr Sohn wurde, nach demTode des Königs, Regent von Frankreich. Wär sie bisher ge-duldet, mißtrauisch beobachtet, nicht selten hart behandelt worden,trotzdem sie, ihrem Range nach eine der ersten Damen Frankreichs,wenn nicht die erste war, so hätte sie nun in Wirklichkeit die be-deutendste Stellung einnehmen können. Bei ihrem Einflüsse aufihren schwächlichen, lenksamen Sohn wäre es ihr nicht schwer ge-wesen, eine Herrscherrolle zu spielen. Aber sie hatte sich darangewöhnt, im Dunkel zu leben, sie hatte den üblen Einfluß, denFrauen auf Frankreichs Regenten geübt hatten, zu deutlich gesehn,um Lust zu haben, die Zahl der regierenden Frauen zu vermehren.Ueberdies fühlte sie sich nicht mehr jung genug, eine ungewohnteThätigkeit zu beginnen. Das wüste Treiben ihres Sohnes, dasFrankreich noch mehr entnervte und den völligen Ruin vorbereitete,konnte sie nicht billigen. Aber doch sah sie schaudernd die Gefah-ren, denen die Person ihres Sohnes beständig ausgesetzt war.Ein recht mütterliches Herz", so klagt sie einmal,ist zu tsnärsvor einem einzigen Sohne, um nicht mit Schaudern zu betrachten,was geschehen kann; Nachts kommt's mir im Traume vor undmacht mich auffahren, daß mir das Herz zittert; man zähmt eher