Buch 
Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
Entstehung
JPEG-Download
 

Einleitung.

11

die Löwen, Tiger und alle grausamen Tiere, als böse Leute." Sieerlebte noch die Krönung Ludwigs XV., reiste, um derselben bei-zuwohnen, nach Rheims, wo sie nach vielen Jahren ihre Tochter,die Herzogin von Lothringen, wiedersah und deren Kinder zumerstenmale umarmen konnte. Noch kurz vor ihrem Tode verlor sieeine ihrer bewährtesten Freundinnen, die Marschallin von Clsrem-bault; sie selbst starb am 8. Dez. 1722.

Elisabeth Charlotte hat sich durch ihre Briefe ein merkwürdi-ges Denkmal gesetzt. Sie schrieb unendlich viel, täglich mehrereStunden, an die verschiedensten Personen.

Schon die Zeitgenossen hatten Kunde von diesen Briefen,sprachen sich aber nicht sonderlich günstig über dieselben aus; GrafCaylus, der vielseitige und vielschreibende Gelehrte und der frivoleSpötter, bemerkte, wohl mehr aus Haß gegen die Mutter des Regen-ten und aus Abneigung gegen die Deutsche geleitet, als von Wahr-heitsliebe getrieben, Elisabeth Charlotte sei sehr dumm gewesenund hätte an der Schreibkrankheit (in umlsäis il'oorirs) gelitten,sie habe uur ausgeplaudert, was ihr untergeordnete Personen(sou liottsor, uns inaäains cls Rubsms) zugetragen hätten.

Solch ungünstige Urteile schärften jedoch die Neugierde derSpäteren nach diesen Briefen mehr, als daß sie sie zu unterdrückenvermocht hätten.

Die erste Veröffentlichung erfolgte 1788 in französischer Spracheund enthielt Auszüge aus den deutschen Briefen Elisabeths andie Prinzessin von Wales, Karoline, geborne Prinzessin von Anspach.Dieselben Briefe sind dann Braunschweig 1789 nach den Origina-len, aber nur auszugsweise und nach Materien, nicht chronologischgeordnet, herausgegeben worden. (Ein Wiederabdruck derselbenbei Schiller, Historische Memoiren Bd.24.) Eine zweite Veröffent-lichung 1791Bekenntnisse der Prinzessin Elisabeth Charlotte ausihren Originalbriefen" brachte die Korrespondenz mit Frau vonHarling und deren Witwer. Eine dritte, begonnen von Meuzel,fortgesetzt und zu Ende geführt von Holland, teilte den ungeheurenBriefschatz aus dem Degenfeldschen Archiv, die an die Halbgeschwi-ster gerichteten Briefe mit (7 Bände, Tübingen 18431881, Biblio-thek des Stuttgarter litterarischen Vereins, Band 6, 88, 107, 122,132, 144, 157). Eine vierte endlich enthält eine Auswahl aus derwichtigsten, vielleicht auch umfangreichsten Korrespondenz mit derKurfürstin Sophie von Hannover, welche Ranke in seinerFran-zösischen Geschichte", Band V, 1861, S. 288442, zuerst heraus-gegeben und in den folgenden Ausgaben seines mustergültigenWerkes vermehrt hat.

Nur aus den beiden letztgenannten Sammlungen habe ichBriefe in die vorliegende Auswahl aufgenommen und zwar ausdem Grunde, weil nur sie wirklich zuverlässige Texte bieten, auch in-haltlich entschieden die bedeutendsten sind. Für Einleitung undAnmerkungen ist einzelnes aus den andern Sammlungen benutzt.Die Anmerkungen selbst sind so kurz wie möglich gefaßt und haben