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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
Entstehung
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Einleitung.

nur die Aufgabe, Fremdsprachliches zu übersetzen und kurze An-gaben über die vorkommenden Personen zu machen. Aus derHollandschen Sammlung, die mehr als 1400 Briefe enthält, sindnur die drei ersten Bände bei der Auswahl zu Rate gezogen wor-den; der Tod Ludwigs LtV. bildet in dem Leben der ElisabethCharlotte einen so wichtigen Abschnitt, daß es geraten schien, beidiesem stehen zu bleiben; vielleicht ist es später gestattet, dieseAuswahl durch die zur Zeit der Regentschaft geschriebenen Briefezu ergänzen. Die aufgenommenen Briefe habe ich wesentlich ge-kürzt, um die bei der Vielschreiberin gewöhnlichen Wiederholungenthnnlichst zu vermeiden. Die gänzlich regellose Interpunktion undOrthographie habe ich unsrer Schreibweise und Zeichensetzung mög-lichst angenähert, um auch den Ungelehrten ein müheloses Ver-ständnis der Briefe zu ermöglichen; Wortformen und Satzgefügedagegen habe ich in ihrer Ursprünglichkeit und Buntscheckigkeit be-lassen.

Die genannten Personen sind keineswegs die einzigen, anwelche Elisabeth Charlotte geschrieben hat. Erhalten, aber nichtgedruckt sind 274 Briefe, welche sie 1670 bis 1711 an den untenmehrfach genannten Herrn v. Polier gerichtet hat. Außerdemschrieb sie aber, wie sie selbst bezeugt, sehr häufig an ihre Tochter,die Herzogin von Lothringen, an ihre beiden Stieftöchter, dieKönigin Marie Louise von Spanien, die Gemahlin Karls II., undan die Herzogin Anna Maria von Sardinien, ferner an die Her-zogin Charlotte Felicitas von Modena. Ob alle diese Briefeerhalten sind, ist nicht bekannt; nach manchen derselben sind Nach-forschungen angestellt worden, bisher aber ohne Erfolg.

Die drei Adressatinnen der in unsre Sammlung aufgenomme-nen Briefe sind etwas näher zu schildern.

Die erste, die Kurfürstin Sophie, geb. l4. Oktober 1680, alszwölftes und jüngstes Kind des böhmischen (Winter-) Königs Fried-rich und einer englischen Prinzessin, war eine bedeutende Frau.Als sie heiratete (17. Okt. 16S8), trat sie in ziemlich kleine Verhält-nisse ein, allmählich wuchsen Besitzstand und Macht ihres Mannes,bis er 22. März 1692 die neunte Kurwürde erhielt und kurz vorseinem Tode (23. Jan. 1698) die Vorverhandlungen über die Suc-cession seines Hauses in England einleitete. Sie ist die Mutterder Sophie Charlotte, der hochbegabten preußischen Königin, derFreundin von Leibnitz. Sie war selbst eine geistig hochbedcutende,thatkräftige, Willensstärke Frau, glaubenseifrig, von ausgebildetemFamiliensinn. Sie erwarb sich die innigste Freundschaft und Ver-ehrung der Elisabeth Charlotte, die an ihrem Hofe erzogen war.Es ist rührend zu sehen, wie die letztere, da sie schon Jahrzehntevon der Pflegerin entfernt, selbst schon eine ältere Frau gewordenwar, nochum pumpe" die innigste Verehrung zu bezeigen nichtmüde wird, wie sie jedes ihrer Worte in Ehren hält und jedesGeschenk von ihr wie ein Heiligtum betrachtet. Sophie starb am8. Juni 1714.