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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orleans. 45

gut aufrichtig Gemüt hat, der macht sie oft hundert Händel an,ob selbige zwar ihren besten Fleiß thut, sie zu gewinnen, hin-gegen aber hat das Weib den Dauphin ganz an sich gezogen,

um sich noch desto mehr von aller Welt und insonderheit von derDauphine zu fürchten machen. Das ist der Stand, in welchemder jetzige Hof nun ist. Noch eins habe ich vergessen zu sagen:Damit es nicht scheint, daß die Lothringer sich in die Sache vonmeiner Kinder Heirat mischen, so hat die Maintenon und dieMontespan der großen Mademoiselle in den Kopf gesteckt, daß

weil Mons. du Maine ihr Erbe sei, so müßte sie ihm noch all

ihr übrig Gut geben, auf die Bedingung, daß er meine Tochterheiraten solle, und daß also ihr Gut wieder in ihr eigen Haus,sozusagen, kommen würde, durch Monsieur seine Kinder. Unddas thun sie, um sich Mademoiselle *) ihre Güter alle zu versichern,welche (Gott verzeih mirs wie eine andre Närrin) in diesen xan-ueau fällt, und weil sie die Sottise gethan, ihr Gut dem Bastardzu geben, um die Kröte, ihren kleinen Lauzun aus dem Gefängniszu erretten, so wollte sie, daß wir jetzt auch so närrisch wärenals sie. Sie läßt dies Geschrei überall ausgehen, um zu sehen,wie man es aufnehmen mag, oder vielmehr die andern alle machensie wie schon gesagt agieren, damit es nicht scheinen mag, daßsie drin gemischt zu sein^). Aber ich habe doch alles erfahren,mir darf Mademoiselle nichts davon sagen, denn sie weiß wohl,daß ich sie brav bescheiden würde. Was weiter von diesem allemwerden wird, wird die Zeit lehren, alleweile ruft man mir zurTafel, nach der Tafel werde ich diesen Brief ausschreiben, Mon-sieur hat mir auch gesagt, daß er an E. L. schreiben wolle.Jetzt komme ich eben von Tafel, Monsieur hat mir seinen Briefnicht gegeben, glaube also nicht, daß I. L. schreiben werden, ober mir es zwar gesagt hat, werde deswegen meinen Brief endigen,denn in einer Viertelstunde muß ich in die Kirche Usnsdrss ^) zuhören, welches wohl das langweiligste und abgeschmackteste Gesingevon der Welt ist. Muß deswegen schließen und für diesmal nichtsmehr sagen, als in welchem Stand ich mich auch finden möge,

') Sie starb am 6. April 1693. Monsieur wurde ihr Uni-versalerbe.

2) als wenn sie hineingemischt seien.

3) Die Nachmittagsmette am Mittwoch, Donnerstag und Frei-tag der,.heiligen Woche.